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Mehr Gedichte aus der Nachbarschaft

19. November 2021   Janne Jürgensen   Aus dem Stadtteil  

Parallele Welten: Poesie im Alltag

Zeiten und Perspektiven wandeln sich seit eh und je. Ihre spezifischen Bedeutungen werden in Lyrik eingefangen.

Marc Letzig, Professor für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock, spricht die Texte von Barmbeker*Innen, die dazu eingeladen waren, ihre Gedichte an die middenmang-Redaktion zu senden.

Die drei Gedichte von Ingo Pien, Sylvia Basse und Dieter Hamann, gelesen von Schauspieler Marc Letzig

Ich darf dich nicht küssen

die wir hier nicht tragen müssen.
und nun stehen wir hier entblößt.
jetzt, wo unsere Münder frei sind,
verlässt unsere nackten Lippen.
Blumen, die in Töpfen wippen.

(Sylvia Basse)

Erinnerungen

In Friedrichsberg hatte ich meine Wohnung vor gut 50 Jahren und jetzt heiß die Losung Geschichten aus dem Barmbeker Raum zu berichten, da sie ansonsten kaum der Nachwelt erhalten geblieben wären. Vielleicht sind sie wichtig und können erklären warum wir Oldtimer, die lernunfähigen Alten so stur sind und nichts von Reformen halten.

In der Bündischen Jugend, auf Gruppenfahren, im Tanzkurs, Geburtstagsfeiern aller Arten lernten mein Freund und ich uns kennen, um uns möglichst nicht mehr zu trennen, dachten wir vielleicht wäre es gescheit, einen Vertrag zu schließen auf gute Zusammenarbeit.

Der Herr Pastor von der Eilbeker Versöhnungskirche lud uns ein, ein Ehe-Beratungsgespräch sollte schon sein. Manche Ehen, so sprach der fromme Mann, fangen aus heißer Verliebtheit an.

Was man an der Liebe allgemein so lobt, das wird alles reichlich durchgeprobt. 

Ist die Hitze dann verglüht, mit Verstand betrachtet man doch fühlt, vielleicht sollte man besser einen anderen Partner wählen, weil andere Dinge doch dauerhaft wichtiger zählen. Zum Beispiel für die Familienplanung sucht man besser eine Frau mit Ahnung von Erziehung, Ernährung, Finanzierung und einer geordneten Haushaltsführung. Ist diese Einsicht erst gewonnen, wird der zweite Schritt auch schnell begonnen. Auch die Leute sagen, so mit Frau und Kinder(n) ist das Leben normal, unterhaltsamer, gesünder.

Auf die Dauer ist`s viel Arbeit, nervige Gören, das kann auf die Dauer gewaltig stören. Beizeiten wird schon mal nachgedacht, wie man schadlos seinen Abflug macht. Was für das persönliche Ansehen mächtig zählt in der Gesellschaft, das ist viel Geld. Der Mensch muss keine Schönheit sein, doch Geld darf er viel haben, das allein macht ihn schon mächtig interessant, der wäre ein brauchbarer Proband einen dritten Vertrag mit ihm abzuschließen, um den nächsten Lebensabschnitt voll zu genießen. Manch Einem gelingt es und er hatte damit die ideale soziale Hängematte

Es gilt dem Partner zu schmeicheln, ihm zu hofieren, um sein Geld auf`s eigene Konto umzutransportieren. Ist das geschafft, dann stört es schon, die fehlende Jugend, der unfreundliche Umgangston.

Den vierten Schritt überlegt so dann, der mit allen Wassern gewaschene Lebemann- dem, wenn er in den Spiegel schaut, vor dem faltigen eigenen Siegelbild graut- dass er mit großem Konto und einer ganz jungen Braut wenn er einen Neustart versucht, selbst besser ausschaut. Mit viel PS im offenen Cabriolet fährt er über die Dörfer und oh weh, er will nicht glauben, dass die süße junge Braut nicht seine Person, lieber sein Vermögen anschaut.

So ähnlich hat`s der Pastor erzählt, wir selber haben nur Schritt 1/2 gewählt.

(Monika und Dieter)

Diese kleinen Geschichten …

Ein jeder kann Gedichte, hier meine Geschichte
Alles was ich schreib ist wahr, meine Frau ist nicht mehr da! Wo ist sie denn 
hin? Zum Haus nach Kroatien.   

Aufgebrochen von Dilettanten, muss sie jetzt Tür und Fenster sicher machen.

Heut erst merk ich, war das schön, hab ihr bei den Arbeiten zugesehn. Staubsaugen, einkaufen, Essen machen, das sind Sachen, die muss ich jetzt selber machen. Solche Frau ist unbezahlbar, hoffentlich ist sie bald wieder da!! 

Nur zu Corona und Nachbar, sie sind alle älter, aber noch da. 1,50 m Abstand die halten wir ein, das muss einfach sein.

Schön ist es nicht nur in Barmbek, sondern auch bei mir in Wandsbek.

Von der Terrasse möchte ich kaum noch gehen! So viele Blumen und so viel Grün, wie sie auf den Bildern sehn! Die Hummeln, Bienen und auch Meisen, die morgens schon durch den Garten kreisen. Auch Wasser ist für alle da, ich bleib in Hamburg, flieg nicht nach Kroatia, auch wegen Corona. Diese kleine Geschichte ist nur etwas gedichtet, kommt aber vielleicht an, von einem 82 jährigen Zimmermann.

Wollt Ihr noch Gedichte und Geschichte? Müsst Ihr die nächsten Seiten sehn, wie doch 30 Jahre schnell vergehn.

Vor 30 Jahren fuhr in hin, mein Urlaub in Kroatien.

Stand auf dem Berg, oh wie schön, konnt die ganze Adria sehn. Meine jetzige Frau stand neben mir, bau mir ein Haus, ich erlaub es dir. Als Zimmermann fing ich langsam an, machte erst mal einen Plan. 

Größeres Auto und Sitze raus. Ingo, was machst du, wo willst du hin? Ich bau ein Haus in Kroatien. Mit Betonmischer und Stromerzeuger fing ich an, alles genau nach Plan. Erst kein Wasser und kein Strom, aber wir schafften das schon. 6 Wochen Urlaub und viele Helfer, gemauert, gezimmert und betoniert, wir haben uns nicht blamiert! Richtrede selber gemacht, am andern Tag, rauf das Dach! 4,5 x 6,5 Meter groß, unten im Dorf sagten sie, wie schaffen die das blos? Das Haus- Garage war nun abschließbar, und es ging weiter im nächsten Jahr.

Kroatien ist 1500 km weit, aber zum Baden hatten wir immer noch Zeit. Im Urlaub soll man sich ausruhn, aber später, als Hauswart, hatte ich körperlich nicht so viel zu tun.

Wir bauten weiter, Jahr für Jahr, 9,0 x 9,0 Meter ansehbar!

Dann kamen die Kinder wie gesagt, die Baugenehmigung war schnell gemacht. Eine Etage noch oben drauf, erst jetzt ist es ein schönes Haus.

Meine Frau, ich nenn sie Maus, ist Gärtnerin ums ganze Haus! Wenn die Familie Urlaub macht, zur gleichen Zeit sind es: 2 Hunde, 1 Katze und 6 Leut. 

Ein Flug nach Kroatien kostet nicht viel. Mit dem Auto aber kommt man auch ans Ziel. 

Möchte noch lange auf meiner Terrasse leben und das die Kinder mich nicht so schnell ins Pflegeheim geben.

Diese kleinen Geschichten schreiben bei Sonnenschein, sitz auf der Terrasse ganz allein, jetzt bin ich fertig und gönn mir 1 Glas Wein. Möchte noch lange auf meiner Terrasse leben und dass die Kinder mich nicht so schnell ins Pflegeheim geben.                                                        

(Ingo Pien)

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