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Gedichte aus der Nachbarschaft

12. November 2021   Claudia Berg   Aus dem Stadtteil  

Parallele Welten: Poesie im Alltag

Zeiten und Perspektiven wandeln sich seit eh und je. Ihre spezifischen Bedeutungen werden in Lyrik eingefangen.

Die Sängerin Beatrice Asare-Lartey – begleitet von dem Pianisten Mischa Schuman – und der Filmemacher Janne Jürgensen interpretierten die Texte von Barmbeker*Innen, die dazu eingeladen waren, ihre Gedichte an die middenmang-Redaktion zu senden, in einem musikalischen Film.

Film: „Gedichte aus der Nachbarschaft“ – eine audiovisuelle Odyssee durch Hamburg (13 Gedichte, 19 Minuten, Hamburg 2021)

Die Texte aus dem Film in chronologischer Reihenfolge:

Heimweh

Alte Leute, liebe Kinder
Ich glaub‘euch kein Wort,
wenn ihr sagt, ihr habt Heimweh,
ihr wollt nicht heim sondern fort.
Bloß sagen wollt ihr es nicht,
doch mir ist aufgegangen da ein Licht.
Manchmal ist`s ein bisschen eng zu Haus
und so zieht man lieber aus.
Dann rief das Geld aus fremdem Land,
nimm dein Mädchen an die Hand
und ab in die Ferne, der Heimat abgewandt.
Doch Wehmut, nicht Heimweh, euch bald befällt,
derweil ihr vielleicht gerade Bäume fällt,
was soll ich mit dem ganzen Geld,
hier am anderen Ende der Welt?
Und weil die Wurzel ist gekappt,
werdet ihr alles andere als schlapp.
Doch habt ihr nicht geklärt,
was euch einmal hat ernährt.
Und da ihr auch wollt stolz sein,
fahrt ihr jede Menge Holz ein.
Doch Holz ist nicht alles, womit man bauen kann,
wenn man besser einander vertrauen könnte
und es einander schön macht und gönnte.

(Kai Lauermann)


Als Fremde verkleidet

Als Fremde verkleidet
durchwandern wir Inseln
Wir kauern in der Hitze
am weiß einer Hauswand
Unsere Finger ziehn Kreise
über sandigen Boden
Müßiggang
andere graben
nach Schätzen
andere fliehen
vor Öde – Verwerfen Besinnung
und glauben an Wunder

(Wolfgang Dieter)


Zufall

Wo
Was
Wie
Warum bin ich hier – gerade hier.
Dieses ummichherum – ist es wahr – Warum?
Bin ich hier – gerade hier?
Werde ich entdeckt – im Hier – darf ich entdecken?
Hier – Jetzt – Ich
Ich öffne die Augen – ich sehe- vielleicht zum ersten Mal.
Ich bin wirklich hier – nur hier – möchte nichts anderes.
Dieser Zufall ist kein Zufall- das verborgene Leben erwacht.
Wo – Hier!
Was – Ich!
Wie – Leben!

(Frank Kleinedamm)


Weihnachts-Gedicht

Wo findest du GOTT in der Weihnachtszeit:
Du hast Ihn schon gefunden!
Er ist in Dir, in mir, in uns; zu jeder Zeit
Bis in alle Ewigkeit!
Er vereint uns jetzt und kündigt dies:
Ich bin hier, bin dort an jedem Ort immerfort zu sehen:
In Deines Lebensspur!
Mal geht Er neben Dir, mal nimmt Er Dich Huckepack
aber immerfort ist Er mit Dir auf Zack.

(Stephanie Störer)


Wer macht das Wetter?

Manchmal ziehen Stürme über uns hinweg.
Dunkle Wolken, finsterer Himmel, Nass bis auf die Knochen schüttelt es uns durch oder weht uns um, und es hilft nur durchzuhalten, Schutz zu suchen. Eine warme Höhle.
Aus diesem Schutz heraus lässt das Wetter sich beobachten. Vielleicht sogar die Schönheit darin finden, und in der Tiefe das Wissen, dass jeder Sturm vorüber zieht und der Himmel wieder sichtbar wird.
Diesen unbeirrbaren Himmel, trage in deinem Herzen.

(Christina Druve)


Das Sternenlicht

Wie viele Augen sehen Dich
Du wunderschönes Sternenlicht?
Wie viele Herzen freuen sich
Über die Strahlen deines Lichts?

Man sagt die Liebe, das Glück und die Stärke, alles was gut ist, sind deine Werke.
Man sagt die Zukunft liege bei dir, kennst du die meine, sagst du sie mir?
Du bist weit weg, so viele Meilen, die Antwort dauert sicher eine Weile. Doch kannst du wirklich das Glück verteilen? Die Liebe senden, die Wunden heilen?
Dann hilf uns bitte fröhlich zu bleiben. die Erde zu schonen, das böse zu meiden, Kriege und Unglück wisch einfach weg, benutze dein Licht zu diesem Zweck.

(Stasia Schröder)


S-Bahn

Pfiff pfiff Bahnhofshalle
Pfiff der roten Mütze
Stadt Stadt Stadtbahn

Winde wehn Lüfte früher Frühlingsdüfte Züge greifen in schienen letzter strecken Spürst du den Windhauch dort oben in Wipfeln Hörst dus in Bäumen säuseln
Was Monde erzählen
Was Sonnen beneiden

Auen
Ihr Mühlen
Grün grün Lerchengrün

Wir ritzen die Rinde der Fichte und Schlotzen die Tropfen des Glücks, wir liegen und lieben im Moosgrün und fahren in Zügen mit pfiff

Pfiff pfiff Bahnhofshalle
Spiegelblick
Pfiff der roten Mütze

(Wolfgang Dieter)


Hamburg

Der Stahl kleiner Barkassen singt
am Quai
und Wellen klatschen
begleitet von den Rufen aufgebrachter Möwen.

Unbeweglich liegt die Stadt
wieder da,
an ihrem Fluss, nach dem Aufruhr.
Dichte Wolken schieben sich
zwischen Dächer und Abendsonne.
Es ruft ein fahles gelbes Licht
in die Weite, raus zur Welt,
gen See.

Und wir
am Ufer sind wir,
verwunschene Gedanken
einer erfrischten Nacht –
in der die Sterne in der Stadt
versunken sind.

(Hans Hammerbrook)


Sommerabend in der Stadt

Unter weißem Leinenschirm auf edelhölzernem Gestühl sitzt plaudernd die feine Gesellschaft der Stadt.

Der Sommerabend ist schwer und schwül, in edlen Kelchen perlt der Champagner. Es werden Oliven und Tapas serviert, wenn die noble Schicht unter sich diniert.

Die Damen sind schön, ihre Hände gepflegt, Schuh und Tasche aus feinstem Leder. Sie wissen, welchen Schmuck man dazu trägt. In dieser Gesellschaft weiß es ein jeder.

Die Herren tragen Designerjeans von premium Qualität. Der Siegelring auf gebräunter Hand betont ihre Exklusivität, an diesem Sommerabend in der Stadt.

Nicht unweit von hier im buschigen Grün in der städtischen Parkanlage kann man die andre Gesellschaft sehen, auch ihrerseits exklusiv, ohne Frage.

Hier speist man nicht würdevoll, diszipliniert, hier gibt man sich freu und natürlich. Man schlürft, schmatzt und kaut völlig ungeniert, isst ganz und gar nicht manierlich. Auch wird nicht parliert, nein, eher gelallt- die fahlen Gesichter der Männer sind alt.

Sie leben in den Tag, in die Nacht hinein, sie haben nichts zu verlieren. Sie besitzen nichts mehr, sie schicken sich drein. Wozu sich noch motivieren?

Was andere haben auf dieser Welt ist ihnen abhandengekommen: Kraft. Liebe. Freude. Gesundheit und Geld. Sie spüren es, doch nur verschwommen an diesem Sommerabend in der Stadt.

(Sonja Gustke)


In Zeiten wie Diesen

Ich bin die Maske.
In mir verwandeln sich Groß und Klein,
Alt und Jung in pudrig geschminkte Mimen.

Ich bin die Maske.
Im Karneval gewande ich die Feiernden
und begleite ihre lustigen Possen.

Ich bin die Maske
Ein Film, eine Komödie aus vergangenen Zeiten, die manch einem fehlen- Wer will das bestreiten?!

Ich bin die Maske
2020 ziere ich alle Gesichter
Und behüte der Menschen Miteinander.
Wie lange, wie lange??

(Miriam Kops)


Strandspaziergang

Sag mir, wer macht denn die Kiesel so rund? Sie scheuern im Wasser auf Meeres Grund.

Und sag mir, tut das Scheuern nicht weh? Doch, ja, das tut es, doch vertraun sie der See.

Erklär mir, wie halten die Kiesel das aus? Sie lieben die Strömung, sie ist ihr Zuhaus.

Erzähl mir, was ist mit all den Kieseln am Strand? Sie warten auf dich und auf deine Hand.

Aber was ist wenn ich an diesem Ufer nicht geh? Dann bringt die Zeit sie zurück in die See.

(Christina Druve)


Wo die Liebe hinfällt

Tief im Urwald trafen sich im herrlich duftenden Gebüsch ein Uhu und ein Papagei und verliebten sich in Uruguay.

Frau Uhu, seine Redekunst entzückt. Er, nach Uhus Augen ganz verrückt.

Beide nun in voller Liebeslust! Frau Uhu warf sich in die Brust, sie wollte Komplimente machen, Papagei hielt seinen Bauch vor Lachen. Er zupft sich eine Feder aus dem Leib und schenkt sie ihr, mit der Bitte, – bleib!
Ausgang ungewiss

(Gerhard Felgentreff)


Corona

Es tönen der Welt laute Klagen:
Wie lang müssen wir`s noch ertragen?
nur Masken, Verbote,
was zählt, ist die Quote.
Da hilft nur noch Hoffen, kein Zagen!

Mit freundlichen Grüßen

(Gisela Poppelbaum)

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