Logo middenmang

Diverse Lebenswelten: Barmbek-Süd und der Rest der Welt
Schreib dein eigenes Stadtteil-Magazin!

 

Gustav Mahler: Zwischen Kirche und Klampfe – wie Hamburger:innen die Musikgeschichte präg(t)en!

14. Juni 2021   Sabine Engelhart   In Hamburg und Drumherum, Music, Musik, Unkategorisiert  

Ein Beitrag von Neele Uder/ Musikwissenschaftlerin der Universität Kiel

Die Hamburgische Staatsoper am Gänsemarkt: eine beinahe zeitlose Institution. Schon seit 1678 trägt sie zu Hamburgs Kulturleben bei – sie ist schon Anfang des 18. Jahrhunderts weit über die Stadtgrenzen hinaus in ganz Europa bekannt. Die Oper zieht zu jeder Zeit bekannte musikalische Persönlichkeiten an, so zum Beispiel auch Telemann oder Händel. Doch für einen Komponisten hatte sie eine besonders zukunftsweisende Bedeutung.

Gustav Mahler, Sohn eines jüdischen Gastwirts, wurde 1860 in Kalischt, Böhmen geboren. Früh begeisterte er sich für Musik, vorwiegend Volksmusik. Nicht weit von seinem Zuhause lag eine Militärkaserne, so prägte auch die Militärmusik sein Musikverständnis. Er studierte Komposition in Wien, doch nach seinem Abschluss war er als Komponist nicht so erfolgreich, wie er es sich gewünscht hätte.

Der Name Mahler war vor 1897 vor allem als Dirigent bekannt. Dass er eigentlich Komposition studiert hatte war zunächst zweitrangig. 1891 begann Mahler, nachdem er Ende März zum ersten Mal am Berliner Bahnhof (am heutigen Deichtorplatz) Hamburger Luft schnupperte, sein Amt als Erster Kapellmeister an der Hamburger Oper. Dieses Amt war es, was seinen internationalen Ruf als Dirigent, aber auch als Komponist festigte. Er schaffte es, seine kompositorische Schaffenskrise zu überwinden und vollendete seine zweite und dritte Sinfonie. So dirigierte er die Uraufführung zu Tschaikowskis Eugen Onegin und erntete dafür große Zustimmung von allen Seiten. War er nicht an der Hamburger Oper anzutreffen, bei seinem hohen Arbeitspensum ein wahrscheinlich seltener Zufall, wohnte er unter anderem an der Bundesstraße 10 und in der Bismarckstraße 86. Leider waren nicht alle einem jüdischen Dirigenten und Komponisten wohlgesonnen. Mahler bemerkte den aufkommenden Antisemitismus und ließ sich schließlich in der St. Ansgarkirche katholisch taufen.

Mahler und die Volksmusik haben eine ganz besondere Beziehung. Sie wird in seinen Werken immer wieder aufgegriffen. Er übernimmt häufig einzelne Stilelemente böhmischer und deutscher Volkslieder aus Rhythmus, Melodik oder Tempo. 

Unübersehbar ist diese stilistische Liebelei in Mahlers erster Sinfonie. Der dritte Satz beginnt mit der Melodie eines Liedes, das wohl jedes Kind gesungen oder vorgesungen bekommen hat: Bruder Jakob. Es ist zunächst der Kontrabass, der den Satz einleitet. Doch erklingt nicht das uns bekannte, beschwingte Aufkeimen eines fröhlichen Kanons. Ganz im Gegenteil, die Musik wogt ruhig und getragen, kommt fast schon klagend daher. Ist der Kontrabass einmal durch sein Motiv geschritten und endet auf dem Melodiestück, das uns als „Ding Dang Dong“ bekannt ist, setzt das Fagott ein. Es wiederholt die Melodie des Basses und beginnt damit die kanonische Bewegung. 

Die Melodie klingt fast wie ein Trauermarsch – doch warum? Sie steht, im Gegensatz zur uns bekannten Version, in Moll und nicht wie sonst in Dur. Das bedeutet unter anderem, dass der Ton, der auf dem Ja- von Jakob steht, um einen Halbton nach unten versetzt wurde. Damit sind die Töne auf den Silben -der (von Bruder) und Ja- nur noch einen Halbton, statt wie sonst einen Ganzton voneinander entfernt. So ergibt sich der typisch mollige Klang.

Auch Filmliebhaber wissen Mahlers Musik zu schätzen. Der Film Tod in Venedig kommt völlig ohne eigenen Soundtrack aus, stattdessen verleiht ihm unter anderem Mahler seinen ganz eigenen, melancholischen Sound. Die Hauptfigur, im zugehörigen Roman ein Schriftsteller, bekommt nicht zuletzt durch seinen Werdegang als Komponist Züge von Mahlers Person. Der Anfang des Filmes wird begleitet durch das Adagietto (was „ziemlich langsam“ bedeutet) aus Mahlers 5. Sinfonie und ertönt zum in den Hafen einfahrenden Schiff. 

Mahlers Aufstieg zu den großen Komponisten ist wohl vor allem der Stadt Hamburg zu verdanken. Die Gustav Mahler Vereinigung Hamburg befasst sich mit den Spuren des Komponisten in Hamburg. Die ehemaligen Wohnorte, die auf der Website (https://www.gustav-mahler-vereinigung.de/stadtrundgang.html) aufgelistet sind, laden zu einem kleinen Rundgang ein und lassen auch ohne Konzerte ein kleines Stück Mahler in Hamburg erleben.

Fotocredits: freemusicmp3flac.blogspot.com