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Faszination zwischen Geräusch und Musik

16. Mai 2021   Sabine Engelhart   Freizeit, Hamburg, In Hamburg und Drumherum, Music, Musik, Uncategorized, Unkategorisiert  

Musikwissenschaftlerin Neele Uder beschreibt was elektronische Musik ausmacht.

Die Grenze zwischen Geräusch und Musik – gibt es die eigentlich? Oder ist sie nur eine Sache des Betrachters? Felix Kubin scheint sie zu kennen. Er, der schon sein Leben lang von Geräuschen, Musik, Synthesizern fasziniert ist, mag besonders die Geräusche, die ein musikalisches Element, vielleicht ein Summen in sich haben. Doch auch ein Zischen, ein Fauchen, alles kann in seiner elektronisch komponierten Musik wiedergefunden werden. 

Er ist die Hamburger Komponente in der Entwicklung der elektronischen Musik. Wenn er auf der Bühne steht hält er keine Gitarre in der Hand. Stattdessen um ihn herum: ein Haufen elektronischer Geräte, Kabel, ein Mikrofon, ein Keyboard, Mischpulte. Inmitten dessen steht Felix Kubin völlig absorbiert und im Einklang mit dem, was er gerade scheinbar aus dem Nichts erschafft. Das Knöpfedrehen sie wie eine Choreografie für ihn, eine, die nur er kennt.

Die Dissonanz in der Musik: für viele nur erträglich wenn sie in eine Harmonie übergeht – für ihn ist sie das genaue Gegenteil. Wenn Dinge nicht zusammenpassen, solle man sie eben so lassen. So auch in seiner Musik, die Dissonanzen zulässt, ohne sie aufwändig einzubetten.

Der Hamburger begann bereits als Neunjähriger mit dem Komponieren; damit einher ging seine Faszination mit jeglicher Art von Geräuschen. Sie formen seine Realität, sind immer im Fokus seiner Wahrnehmung. Heute betreibt er sein eigenes Plattenlabel Gagarin Records in Hamburg.

Seine Musik klingt fremd, unvertraut und wirft Fragen auf. Sie spielt mit bekannten Elementen, Rhythmen und Zwischentönen. Damit hebt er die Entwicklung der elektronischen Musik auf eine andere Ebene und verbindet sie scheinbar mit dem Außerirdischen. 

https://www.youtube.com/watch?v=6NnWBIYNLVg

Dass Felix Kubin so Musik machen kann, wie er es tut, war vor 70 Jahren noch nicht denkbar, auch wenn das heutige gewaltige, fast schon überwältigende Musikangebot nicht so vermuten lässt.

Musik kommt in vielen Formen. Sie folgt nicht nur einem Schema und ist genauso vielfältig wie das Leben. Jeder erkennt, was Musik ist – vielfältig, klingend – auch ohne sie studiert zu haben. Sie ist wie jede Kunst völlig vom Rezipienten abhängig – ohne ihn funktioniert sie nicht. Als menschengemachtes und schon lange praktizierte Kunst entwickelt sich die Musik kontinuierlich. Doch anders als zum Beispiel der Wandel in der Sprache, der meist unbewusst vonstattengeht, erfordert ein Wandel in Musik eine gerichtete Intention zur Innovation. Komponist:innen wollen durch Ausprobieren Grenzen erweitern, Neues hören und Neues erfahren. Im Einklang mit dem Rest der Welt ist der Weg der Musikentwicklung durch Erfindungen immer neuer Instrumente gepflastert – sie sind der nötige Resonanzkörper für die flüchtige Musik. Akustische Musik gibt es schon lange. Flöten und Klangkörper, die den Schall der schwingenden Saite aufnehmen, kannte auch schon Kleopatra. 

Dass auch ohne diese Resonanzhilfe Töne entstehen oder gar aufgenommen und wiederabgespielt werden, das ist eine Erfindung, die erst das letzte Jahrhundert möglich machte. Was mittlerweile völlig selbstverständlich ist, war in den Fünfzigerjahren ein abenteuerliches Experimentieren fernab des damals Bekannten und ging anfangs wahrscheinlich lange nicht so leicht ins Ohr wie ein The Weekend-Song heute.

Die Anfänge elektronischer Musik fanden unter anderem in Köln statt – elektronisch erzeugte Sinustöne bildeten die Grundlage. Sie wurden durch verschiedene Effekte, Filter und Modulatoren alterniert. So war es möglich, ohne herkömmliche Instrumente Töne zu erschaffen. Kombinierte man sie miteinander, war plötzlich Musik zu hören – eine, die heute wahrscheinlich sofort Assoziationen an Raumfahrt oder Aliens hervorrufen würde. 

https://www.youtube.com/watch?v=H4QaMwpVXVM

Nicht nur in Deutschland war der Drang zum Experiment in der Musik stark. Auch in Frankreich sollte es zu entscheidenden Innovationen kommen. Die Musique concrète war, anders als das Kölner Pendant, nicht darauf ausgelegt, neue Klänge zu erfinden. Vielmehr ging es hier um das Verarbeiten von Geräuschen, beispielsweise das eines einfahrenden Zuges oder eines predigenden Pastors. Die Geräusche wurden aufgenommen und händisch neu oder mit anderen Aufnahmen zusammengefügt. Steve Reichs „It’s Gonna Rain“ ist wohl das berühmteste Beispiel für die Musique concrète. Er fügte zwei Tonbänder mit identischer Aufnahme jeweils zu einer Endlosschleife zusammen. Er spielte sie gleichzeitig ab, anfangs unwissend, dass sich der im Laufe des Stückes wiederholt geäußerte Satz „It’s gonna rain“ immer weiter verschieben würde. Es ergibt sich ein ungewöhnliches, sich immer weiter verschiebendes Rhythmusgefüge. „It’s gonna rain“ gilt auch als Vorreiter der vor allem rhythmisch angelegten Minimal Music. 

https://www.youtube.com/watch?v=vugqRAX7xQE

Beide Stile waren gleichermaßen experimentell, doch konnten sich einander zunächst nicht viel abgewinnen. Das änderte sich mit dem Stück „Gesang der Jünglinge“ von Karlheinz Stockhausen, der erstmals beide Techniken miteinander verband. Neben den elektronisch erzeugten Tönen ist ebenfalls eine auf Tonband aufgezeichnete Singstimme zu hören: 

https://www.youtube.com/watch?v=nffOJXcJCDg

Aus diesen Ansätzen entstand die bis heute bekannte Konvention elektronisch generierter Musik in all ihren Variationen. Besonders Rock und Pop profitierten – und profitieren bis heute – von Synthesizern und elektronischen und computergenerierten Instrumenten und Sounds.

Fotocredits: Sabine Engelhart

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