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FANNY HENSEL: Zwischen Kirche und Klampfe – Wie Hamburger:innen die Musikgeschichte präg(t)en

Ein Beitrag über diese begabte Komponistin von Neele Uder/ Musikwissenschaftlerin, Universität Kiel

„Die Musik wird für ihn [Felix] vielleicht Beruf, während sie für Dich nur als Zierde, niemals Grundbaß Deines Seins und Tuns werden kann und soll.“ Diese Worte schrieb Fanny Mendelssohn Bartholdys Vater Abraham an die 15-Jährige Fanny und nahm damit bereits vorweg, welche Rolle das Komponieren und Musizieren in ihrem Leben haben sollte.

Dabei mangelte es ihr nicht an Talent, ganz im Gegenteil. Fanny, die ältere Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy war mindestens genauso musikalisch begabt wie ihr jüngerer, später weltbekannter Bruder. Die beiden mit nur vier Jahren Unterschied (1805 und 1809) in Hamburg geborenen Geschwister wurden zusammen in Musiktheorie, Komposition sowie im Klavierspielen unterrichtet. Die Eltern waren also bemüht, auch Fanny eine gute, fundierte Ausbildung zu bieten. Doch was war der Grund, weshalb Fanny nicht ebenso bekannt wurde wie Felix?

Frauen hatten sich damals einem strengen Reglement zu unterwerfen. Es herrschte in vielen Köpfen der damaligen Zeit die Ansicht, eine Frau sei nicht in der Lage, die Kunst der Komposition zu beherrschen. Das Musizieren war erlaubt, doch galten viele Instrumente (z. B. Blasinstrumente, weil sie angeblich die Lippen verunstalten würden und die Violine aufgrund der Körperhaltung) als unangemessen für eine Frau, sodass fast nur das Klavier als Instrument übrigblieb. Für Frauen galt es zur damaligen Zeit ebenfalls als nicht schicklich, öffentlich aufzutreten und damit Geld zu verdienen. So wurde es Fanny von ihrem Vater und ihrem Bruder verboten, öffentlich zu konzertieren und ihre zahlreichen Kompositionen zu publizieren. Obwohl Abraham und Felix Mendelssohn Bartholdy wohl nicht der Ansicht waren, Fanny könne weniger gut komponieren oder musizieren, waren sie doch sehr um das Ansehen ihrer Familie bemüht. So blieb ihr die Veröffentlichung ihrer Musik lange untersagt. 

Dass ihren Kompositionen so kaum Beachtung geschenkt wurde, stimmte Fanny nachweislich traurig. Sie war frustriert darüber, dass niemand ihre Werke zur Kenntnis nahm und wünschte sich einen Druck ihrer Kompositionen. Erst am Ende ihres Lebens, 1846, beschloss sie, ihre Kompositionen dennoch zu veröffentlichen und bekam schließlich auch das (nicht vollständig überzeugte) Einverständnis ihres Bruders dafür. Sie konnte die Opuszahlen 1-7 veröffentlichen, bevor sie am 14. Mai 1847 an einem Gehirnschlag starb. Posthum bat ihr Mann Wilhelm Hensel ihren Bruder Felix um die Veröffentlichung einiger weiterer Werke, sodass auch op. 8-11 herausgegeben werden konnten.

Doch ganz ungesehen und ungehört war Fanny Mendelssohn Bartholdys, später Fanny Hensels musikalisches Schaffen doch nicht. Es muss ein beeindruckendes Schauspiel gewesen sein, das sich ab 1821 jeden Sonntag im Hause Mendelssohn Bartholdy zutrug. Bis zu 300 Leute fanden sich einmal in der Woche zu einem privaten Konzert im Familienhaus ein. Organisiert, geprobt und aufgeführt wurden sie von Fanny und ihren insgesamt drei Geschwistern. Oft war es Fanny, die allein das Orchester sowie den Chor leitete, selbst auftrat und vorher zusätzlich die Proben leitete. Gespielt wurde neben Beethoven, Mozart, J. S. Bach und Haydn auch häufig Kompositionen von ihr oder ihrem Bruder. Doch darüber hinaus trat Fanny nur sehr selten öffentlich auf, in Berlin nur ganze drei Mal.

Die musikwissenschaftliche Forschung zu Fanny Hensel ist oft auch ein Beispiel für die Forschung zu anderen, häufig unbeachteten weiblichen Komponistinnen. Sie wurde erst vor noch nicht allzu langer Zeit aufgenommen und zeigt, dass es noch ein weiter Weg bis zur historischen Gleichstellung von Komponistinnen und Komponisten ist. 

Spuren von Fanny Hensel findet man in Hamburg an verschiedenen Orten. Es lässt erahnen, dass Fannys Wirken neben ihrem Bruder in der heutigen Zeit zunehmend anerkannt wird. Am U-Bahnhof der Osterstraße befindet sich der Fanny-Mendelssohn-Platz, der nach Fanny Hensels Geburtsnamen benannt wurde. Erst nach der christlichen Taufe aller Kinder fügte die Familie den Namen Bartholdy hinzu. 

An der Ludwig-Ehrhardt-Straße stehen nebeneinander Gedenktafeln zu Fannys und Felix‘ Ehren und laden zum kurzen Verweilen ein. Die Tafeln stehen an ebenjenem Ort, weil sich in der Nähe das Geburtshaus beider befand. Das Geburtshaus in der Großen Michaelisstraße wurde allerdings im zweiten Weltkrieg zerstört. Nicht weit hiervon lädt außerdem das Fanny & Felix Mendelssohn Museum in der Peterstraße 29-39 hoffentlich bald wieder zu einem Besuch ein, um spannende Stunden auf den Spuren der Mendelssohn-Geschwister zu verbringen.

Wer noch mehr über die früher oft übersehene Fanny Hensel erfahren möchte, kann das auch von Zuhause aus, zum Beispiel mit dem 2007 erschienenen Buch Fanny Hensel geb. Mendelssohn: Musikerin der Romantik (Europäische Komponistinnen) von Peter Schleuning.

Fotocredits: matthewtrader.com on unsplash

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