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Michael Weber liest Rüdiger Ries

14. April 2021   Claudia Berg   Aus dem Stadtteil, Literatur, Lyrik  

Der Schauspieler Michael Weber liest einen Text von Rüdiger Ries: „Meine Kinderzeit in Barmbek„. Damit endet unsere ´Poesie des Alltagsreihe vorerst mit demselben Gedicht mit der sie startete, jedoch anders interpretiert und umgesetzt. Vergleichen Sie selbst, wie die Persönlichkeit der Schauspieler*innen in die Texte einfließt, das ist sehr spannend.

Meine Kinderzeit in Barmbek

Wir wohnten in einem Behelfsheim im Flachsland, dort haben nur drei Villen und ein Mietshaus den Krieg überstanden. Was es dort zu meiner Kinderzeit dann noch gab waren Trümmerberge und aus Ruinen wieder auferstandene Behelfsheime und einige ebenfalls wieder aufgebaute Geschäfte.

Was kann man als Kind in so einer Gegend machen? In den Trümmern durften wir aufgrund der ständig bestehenden Einsturzgefahr nicht spielen, am Osterbekkanal auch nicht, Mütter und Großmütter denken immer nur an das eine:“ Plumps und weg bist du“. Wir haben natürlich beide Verbote übertreten und in den Trümmern nach Blei gesucht. Wenn man die Stelle hatte, an der früher die Küchen waren, war das so ähnlich, als wenn man eine Goldader findet, Bleirohre in größeren Mengen, aber die Schrotthändler haben uns immer betrogen, egal wie viel wir brachten, wir bekamen immer nur 20 Pfennige. Es war ja auch heiße Ware.

Bei Regenwetter sind wir ins Ortsamt in der Poppenhusenstraße gegangen um Paternoster zu fahren. Natürlich waren wir laut und wurden raus gejagt. Die Frauen waren am giftigsten, die meckerten richtig. Die Männer sagten nur: „ Das geht ja nun wirklich zu weit“! Der eine hatte nur ein Bein und drohte immer mit einer seiner beiden Krücken. Uns war klar, dass er dann ja keinen Schritt laufen konnte und er wurde deshalb von uns als ungefährlich eingestuft.

In den Trümmern von Flachsland 50 wurde von einem Arbeitslosen illegal nach Schrott gegraben. Die Frau stand Schmiere, der Mann grub in der Schutthalde. Der Polizist, der alle zwei Stunden Streife ging wollte nichts sehen. Offenbar war er froh, dass er selber Arbeit hatte.

Vor dem Abräumen der Trümmer wurden Steine geborgen, das war legal. Eine Kolonne von vier Männern und einer Frau putzten in Akkordarbeit mit einem Maurerhammer den Mörtel von den Steinen, damit sie wieder verwendet werden konnten. Diese Kolonne machte bei uns im Garten unter dem Dachüberstand Pause. Es war im Februar und sehr kalt, in Holland war gerade die schwere Sturmflut.

Dann kamen irgendwann die Bagger und räumten die Trümmerberge ab. Es entstanden die freien Plätze und die Böschungen zum Osterbekkanal. Durch die Böschungen wurde das Angeln ohne Angelschein sehr populär. Vorher war Angeln eigentlich nur von den Löschplätzen aus möglich. Die Angler saßen auf den Steinpollern und beim leisesten Brummen eines Bootsmotores wurden alle Angeln hektisch eingezogen und hinter die Kante gelegt, die das Pflaster des Löschplatzes mit der Ufermauer bildete. Sie waren dann für ein Polizeiboot nicht mehr zu sehen. Leider waren diese Löschplätze aber von Polizisten zu Fuß gut zu erreichen und deshalb eigneten sich die Trümmerfeld Böschungen eben viel besser für das illegale Fische. Der Löschplatz in der Osterbekstraße wurde mit Boden zugeschüttet und zu einer Grünanlage ungestaltet. Die Pflastersteine sind immer noch unter dem Boden.

Flachsland 44, Eigentümer war ein Gastwirt mit seiner Frau und zwei großen irischen Settern. Der Gastwirt hatte ein Auto, einen Vorkriegs-DKW, schon sehr klapprig, aber doch einen Reichtum vortäuschend, der nicht vorhanden war. Der Wagen musste des Öfteren angeschoben werden. Der Start gestaltete sich folgendermaßen: Die Frau saß vorne rechts, die großen Hunde auf der Rückbank, wahrscheinlich haben sie den Dutt der Dame beschnuppert, der Kneipier rief mit vollendeter Freundlichkeit: “He Jungs, seid mal so nett“, und stieg ein. Es fanden sich immer einige Jungs, die ihr Spiel unterbrachen und die Kiste schoben bis sie ansprang und in einer Zweitaktwolke wegratterte. Wenn andererseits ein fremdes Auto in Sichtweite der Kneipe Startschwierigkeiten hatten, kam der Wirt sofort aus seinem Laden und bot Schiebehilfe an, hilfsbereit war der Alte schon. Er bot meiner Großmutter beim Tode meines Großvaters sogar an, sie zur Beerdigung zu fahren, sie lehnte aber ab, weil sie Angst hatte, dass die alte Karre Ohlsdorf nicht oder zumindest nicht pünktlich erreichen würde. Es waren immerhin 6 km.

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