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Schwarz + Weiß = Bunt

19. März 2021   Sabine Engelhart   Aus dem Stadtteil, Kursangebote, Schach, Unkategorisiert  

Schach für den Stadtteil

Ausgabe 3

Herzlich willkommen zur dritten Schwarz-Weiß-Bunt-Ausgabe! Mein Name ist Jörn Bilicki und ich berichte an dieser Stelle regelmäßig über Aktivitäten und Ereignisse rund um das königliche Spiel aus und für den Stadtteil.

In dieser Ausgabe wird es um „echtes“ Schach, ein lehrreiches Endspiel zum Mitdenken und über Neuigkeiten aus dem Barmbeker Schachklub gehen.

Es geht wieder los!

Man erinnert sich kaum: Aber am 17. März 2020 begann mit der ersten Runde des Kandidatenturniers zur Ermittlung des Herausforderers von Schachweltmeister Magnus Carlsen [1] das vorerst letzte große Schachturnier, an dem sich die Kontrahenten an einem echten Brett gegenübersaßen. Der Weltschachverband FIDE erntete dafür damals viel Kritik. Schließlich widersprach die Turnieransetzung der anderenorts vielfach umgesetzten Praxis zur Pandemiebekämpfung: Kontaktvermeidung. Trotzdem hielt die FIDE an der ursprünglichen Terminansetzung fest, um zur Halbzeit des Turniers dann doch klein beigeben zu müssen. Denn schließlich war es der russische Staat, der dem Treiben ein jähes Ende setzte: Mit der Ankündigung, den Flugverkehr ins Ausland am 27. März einzustellen, konnte der sichere Transfer der Turnierteilnehmer in ihre Heimatländer nur durch den vorzeitigen Abbruch der Veranstaltung gewährleistet werden.

Seitdem fanden die Großereignisse ausschließlich über die gängigen Onlineplattformen wie Chess.com, Chess24 und Chessbase statt. Letztere stellten u. a. die Plattform für die neu vom Deutschen Schachbund aus dem Boden gestampfte Deutsche Schach-Online-Liga [2] zur Verfügung. Für diese Liga hatte sich 2020 übrigens auch der Barmbeker Schachklub mit einer Mannschaft angemeldet. Mit der Mannschaftsaufstellung erwies sich die Gruppe A in der 2. Liga [3] allerdings als zu stark.

Nun geht es aber wieder so richtig los, an echten Brettern, von Angesicht zu Angesicht: Als ersten Turnier von Weltrang startete am 15. Januar 2021 das „Tata Steel Chess Tournament“ [4] in Wijk aan Zee (Holland). Ein Klassiker, den es unter wechselndem (Sponsoren-) Namen bereits seit 1938 gibt und im Laufe seiner Geschichte zum Anziehungspunkt der Weltschachelite wurde. All das natürlich unter strengen Regeln. Regeln, denen kurz vor Turnierbeginn der russische Großmeister Daniil Dubov zum Opfer fiel. Er musste dem Turnier fern bleiben, weil eine ihm nahe stehende Person Corona-positiv getestet wurde. Als Ersatz sprang der deutsche Großmeister Alexander Donchenko ein, der in den ersten zwei Runden gleich mal das enorm hohe Niveau der anderen Spieler schmerzhaft zu spüren bekam.

Das Fehlen von Dubov haben sicher viele Schachenthusiasten sehr bedauert. Schließlich sind eine Reihe seiner Partien durch seine kreative Eröffnungsbehandlung sehr sehenswert. Aber auch ohne Dubov gab es einige spannende Partien mit teilweise sehr lehrreichen Positionen. Eine dieser Positionen möchte ich im Folgenden vorstellen und zum Nachdenken einladen.

Zugzwang

Das folgende Diagramm zeigt aus Sicht von Schwarz eine Stellung, die in Runde 5 nach dem 54. Zug von Weiß in der Partie zwischen David Anton Guijarro und Aryan Tari  entstand.

Schwarz ist am Zug und muss sich überlegen, wie stark sein Läufer und Freibauer als Gegengewicht zu den drei verbundenen weißen Freibauern auf dem Königsflügel sind. Kann Schwarz remis halten oder geht da mehr? Die Auflösung gibt es am Ende des Artikels.

Aktuelles

Als Mitte September 2020 im Barmbeker Schachklub das alljährliche Klubturnier begann, sah man im Turnierraum als Spieler und Gast ein eher ungewohntes Bild: Wo sonst gerne mal über 30 Spieler Platz fanden und Zuschauer sich dicht gedrängt um die Tische versammelten, wo die Spannung nicht nur auf den Brettern sondern auch in den Gesichtern der Spieler abzulesen war, da verloren sich diesmal vielleicht 10 Spieler und ein, zwei Zuschauer. Und natürlich alles mit maximal möglicher Distanz und mit Masken. Ein Klubturnier mit Handicap also. Und beinahe ohne Klubmeister, denn der Spielbetrieb musste in den Räumen des Barmbeker Schachklubs mitten im Turnier mal wieder unterbrochen werden. Aber zum Glück gab es engagierte Spieler, die dafür sorgten, dass die fehlenden Partien privat fortgesetzt werden konnten. Dank einer Aufholjagd und etwas Schützenhilfe durfte am Ende der Autor dieser Zeilen den Turniersieg feiern und sich nun Vereinsmeister des Barmbeker Schachklubs 2020 nennen.

Parallel zum Klubturnier gab es bis zur Schließung der Räumlichkeiten Trainingsabende, die sich bei den Vereinsmitgliedern großer Beliebtheit erfreuten.

Apropos: Mit inzwischen 71 Schachspieler*innen entwickelt sich der Barmbeker Schachklub erfreulicherweise gegen den Trend in so manchen Sportvereinen, die aufgrund der aktuellen Situation eher mit Mitgliederschwund zu kämpfen haben.

Und trotz der Schließung der Räume ist der Klub für seine Mitglieder weiterhin präsent, denn einmal im Monat erscheint ein Newsletter, der per E-Mail verteilt wird und von verschiedenen Mitgliedern mit immer wieder neuen interessanten und spannenden Inhalten versorgt wird.

Diese neue Präsenz zeigt sich auch in der diesjährigen Jahreshauptversammlung, die im Februar 2021 zum ersten mal online stattfand und mit 13 Teilnehmern sogar besser besucht war, als die Vorort-Veranstaltungen in den Vorjahren.

Lösung

Aryan Tari entschied sich ohne Zeitnot für 54. … c2?? und wirft mit diesem natürlich aussehenden Zug leider den Sieg weg. Die Partie endete nach 55. Kd2 wenige Züge später mit einem Remis.

Gewonnen hätte 54. … Lb5!!

Aber: Was ist nach diesem Zug anders? Und wieso ist für Weiß trotz der Bauernmacht auf dem Königsflügel nichts zu holen?

Beantworten wir zunächst die Frage nach den weißen Chancen. Hierzu soll die Ausgangsstellung ein wenig modifiziert werden, um zu verstehen, wie stark diese Bauern theoretisch sein können.

Auch hier ist Schwarz am Zug (das ist für diese Stellung aber unerheblich). Eine Bestandsaufnahme: Der weiße König darf sich vom schwarzen a-Bauern nicht entfernen, die weißen Bauern sind also auf sich allein gestellt. Umgekehrt hat Schwarz keinen sinnvollen Bauernzug, ist also gezwungen, ausschließlich Königszüge zu machen. Eine Beispielvariante zeigt, dass Weiß dies leicht gewinnt: 

1. … Kg8  2. h5 Kg7  3. h6+ Kh7  4. Ka1!

Dieser weiße Tempozug bringt Schwarz in Zugzwang: Mit seinen Bauern kann er nichts ausrichten und sein König muss sich von den weißen Bauern entfernen, so dass diese ungehindert weitermarschieren können. Beispiel: 4. … Kg8 5. f6 Kh8  6. f7, und der f-Bauer ist durch.

Diese Stellung zeigt also, wie mächtig die weißen Bauern sein können. Zusätzlich sieht man, dass der weiße Sieg auch dadurch gesichert ist, weil der weiße König mit jedem seiner Züge die Umwandlung des schwarzen a-Bauern verhindert.

Aber nähern wir uns nun der ursprünglichen Stellung, indem wir in der zweiten Diagrammstellung den b3-Bauern durch einen schwarzen Läufer ersetzen.

Dabei sei angenommen, dass der Läufer nicht in das Geschehen rund um die weißen Bauern eingreift. Ist die Stellung mit Schwarz am Zug für ihn dann immer noch verloren? Nein, wie folgende Variante zeigt:

1. … Kg8  2. h5 Kg7  3. h6+ Kh7  4. Ka1

Bis hierhin versucht Weiß den gleichen Weg einzuschlagen, wie im zweiten Diagramm. Allerdings entgeht Schwarz hier dem Zugzwang:

4. … Lc4!

Wenn man so will, ist Weiß jetzt in Zugzwang: Der schwarze König blockiert erfolgreich den weiteren Vormarsch der weißen Bauern. Der Läufer verschafft Schwarz hierfür die entscheidenden Tempozüge. Die Stellung ist remis, selbst wenn der Läufer die weißen Bauern aufs Korn nehmen würde. Dafür müsste er irgendwann die Deckung des a2-Bauern aufgeben, welcher als einzige Sieghoffnung für Schwarz vom weißen König schließlich geschlagen würde. Auch hier sieht man, wie wichtig die Nähe des weißen Königs zum umwandlungsfähigen schwarzen Bauern ist.

Kommen wir nun zurück zur Ausgangsstellung. Wir wissen jetzt also, dass der schwarze König, unterstützt durch Tempozüge seines Läufers, den weißen Sieg verhindern kann (der weiße a-Bauer spielt hier keine Rolle). Wir wissen auch, dass es umgekehrt für Weiß wichtig ist, mit seinen König nahe genug am umwandlungsfähigen schwarzen Bauern zu sein. 54. … c2 war also deswegen nicht gut, weil dieser Zug dem weißen König genau das nach 55. Kd2ermöglicht (im Zweifel pendelt der König zwischen d2 und c1). Und genau hier setzt der Lösungszug 54.… Lb5 an. Das folgende Diagramm verdeutlicht dies:

Die grünen Kreise zeigen, welche wichtigen Felder von Schwarz nach dem Zug kontrolliert werden. Man sieht: Der weiße König ist nun vom c3-Bauern abgeschnitten. Wenn Weiß jetzt versucht, diese Blockade zu umgehen (Felder mit roten Kreisen), denn entfernt er sich zu weit vom c3-Bauern, der dann ungehindert durchmarschieren kann.

Aber: Weiß muss jetzt ja nicht mit dem König ziehen; er hat ja noch Bauernzüge. Ein Versuch:

55. h5 Kg7  56. h6+ Kh7  58. f6 Kg6  59. h7 Kxh7  60. f7 Kg7  61. g6 La6  62. a4 Kf8  63. a5 Kg7

Weiß ist in Zugzwang. Früher oder später muss er sich mit seinem König vom c3-Bauern soweit entfernen, dass der nicht mehr aufgehalten werden kann. Was wäre das für ein Partieabschluss gewesen! Es ist für jeden Freizeitspieler aber irgendwie beruhigend, dass auch Großmeister hin und wieder mal daneben greifen.

Fotografie: Vlad Sargu/ unsplash.com

Nützliche Links

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Kandidatenturnier_Jekaterinburg_2020

[2] https://dsol.schachbund.de/

[3] https://dsol.schachbund.de/tabelle.php?s=2020&l=2a

[4] https://tatasteelchess.com/