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Zwischen Kirche und Klampfe – Wie Hamburger:innen die Musikgeschichte präg(t)en!

17. Januar 2021   Sabine Engelhart   Hamburg, Heroes, Music, Musik  

Im 19. Jahrhundert gründete die gebürtige Berlinerin Louise Reichardt den ersten „Musikalischen Verein für geistliche Musick“ in Hamburg

Ein Beitrag von Neele Uder/ Musikwissenschaftlerin, Universität Kiel.

Betritt man den Hamburger Michel, wird man sofort von der besonderen, kirchlichen Atmosphäre empfangen. Auch wenn das Gotteshaus sich nicht mehr im völlig originalen Zustand befindet, lässt sich doch erahnen, welche musikalische Geschichte in ihm ruht. Geistliche Musik ist ein wichtiger Bestandteil der Kirche, sodass besonders hier ein stetiger musikalischer Strom herrscht, der im Laufe der Geschichte nie lange abgebrochen ist.

Ein besonderes Ereignis geschah um 1818, von dem das Taufbecken und der Gotteskasten, die beide als wenige Objekte in der Kirche noch aus dem Jahre 1763 stammen, Zeugen wurden. Vielleicht war das Konzert, das im Michel vor ca. 5000 Zuschauern veranstaltet wurde, nicht das außergewöhnlichste oder das erste seiner Art, doch es kam unter sehr besonderen Umständen zustande. Doch was genau war so außergewöhnlich an diesem Konzert?

Dieses Konzert war eines von mehreren Konzerten, die zwischen 1816 und 1818 in ganz Norddeutschland stattfanden. Gespielt wurde Kirchenmusik, im Michel ertönten Mozarts Requiem sowie Händels Messiah.

Besonders an diesen Konzerten war ihr Initiator. Genauer gesagt war es eine Initiatorin, Louise Caroline Reichardt, die zusammen mit Johann Hermann Clasing die Konzerte gestaltete. Louise Reichardt war einer der wenigen Frauen, die Musik zu ihrem Beruf machen konnte und galt damit zu ihrer Zeit als außergewöhnlich. Sie war ausgesprochen erfolgreich und prägte nachhaltig das Hamburger Musikleben.

Am 11. April 1779 in Berlin geboren zog Louise Reichardt mit ihrem Vater, dem Komponisten und Hofkapellmeister Johann Friedrich Reichardt und ihrer Stiefmutter Johanna Dorothea Wilhelmina Alberti 1794 auf das Gut Giebichenstein bei Halle an der Saale. Obwohl Louise und ihre acht jüngeren Geschwister, um die sie sich kümmerte, nicht in Musik unterrichtet wurden, herrschte immer ein künstlerisches und musikalisches Treiben im Hause. Louise Reichardt brachte sich autodidaktisch das Harfe-, Gitarre- und Klavierspielen sowie das Singen bei und begann mit dem Komponieren. Auf Gut Giebichenstein herrschte ein stetiger Strom an Dichtern, die die Natur und Gesellschaft dort genossen. Auch Goethe war ein regelmäßiger Gast. So kam auch Louise Reichardt in Kontakt mit Dichtern und begann, einige der Dichtungen zu vertonen und vorzutragen.

Obwohl Louises Vater wohl Gefallen an ihren Kompositionen fand und sogar einige davon in Zeitschriften publizierte, war er dagegen, sie öffentlich auftreten oder gar Geld mit ihrer Kunst verdienen zu lassen. Was heute kaum noch vorstellbar ist, war damals ganz normal. Frauen als Brotverdiener waren nicht gern gesehen, üblich war es schon gar nicht.

Doch als Gut Giebichenstein von französischen Truppen überfallen wurde und die Familie in Armut geriet, nahm Louise Reichardt das Schicksal ihrer Familie selbst in die Hand. Sie zog nach Hamburg und begann zu unterrichten. Sie wohnte bei Marie Louise Sillem, einer guten Freundin, in deren Stadthaus in Hafennähe. Viele wohlhabende Familien aus Hamburg schickten ihre Töchter zu Louise Reichardt, um sie in Gesang oder Klavier ausbilden zu lassen. Ihr Unterricht war gefragt und ihr gelang es außerdem, den ersten Frauenchor zu eröffnen. So erfolgreich wie sie hatte wohl kaum jemand in Hamburg Musik unterrichtet.

Nebenbei komponierte Louise Reichardt weiter geistliche Musik. Sie gründete zusammen mit Johann Hermann Clasing den „Musikalischen Verein für geistliche Musick“ und organisierte in diesem Rahmen „Geistliche Musikfeste“ mit bis zu 500 Musikern. Eine wahnsinniges Musikeraufgebot mit immensem koordinatorischen Aufwand. Eines dieser Feste war auch das Konzert im Michel.

Louise Reichardt und Johann Clasing gelten mit ihrem Musikverein als Vorreiter der Sing-Akademie in Hamburg, wobei sie als ebenjene nicht genannt werden.

Doch langsam wurde die Konkurrenz größer, es gab in Hamburg immer mehr Singschulen nach ihrem Beispiel, sodass Louise Reichardt um einige ihrer Schülerinnen bangen musste.

Schließlich ging es Louise Reichardt gesundheitlich immer schlechter, bis sie am 17. November 1826 verstarb. Doch sie verstarb nicht unbemerkt, in der Allgemeinen musikalischen Zeitung erschien 1827 ein hochachtender, lobender Nachruf auf sie. In Hamburg lässt sich das Andenken von Louise Reichardt auch in der nach ihrem Vater benannten Reichardtstraße in Bahrenfeld wiederfinden. Erst 2001/2002 wurde beschlossen, auch ihren Namen mit der Reichardtstraße zu würdigen, obwohl sie zu damaliger Zeit einen so entscheidenden Einfluss auf die Möglichkeiten musikalischer Ausbildung in Hamburg ausübte. Das zeigt, dass die Forschung über Frauen in der Musikgeschichte lange Zeit vernachlässigt wurde und lässt hoffen, dass ihre Anerkennung zukünftig in noch größerem Rahmen geschieht. Wer noch mehr über Louise Reichardt in Erfahrung bringen möchte, kann sich hier informieren.

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