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Sandra Gerling liest Rüdiger Ries

17. Dezember 2020   Claudia Berg   Aus dem Stadtteil, Literatur  

Die Schauspielerin Sandra Gerling liest im Rahmen von „Poesie im Alltag – Gedichte aus der Nachbarschaft!“ einen Text von Rüdiger Ries:
Meine Kinderzeit in Barmbek

Rüdiger Ries: Meine Kinderzeit in Barmbek

Wir wohnten in einem Behelfsheim im Flachsland, dort haben nur drei Villen und ein Mietshaus den Krieg überstanden. Was es dort zu meiner Kinderzeit dann noch gab waren Trümmerberge und aus Ruinen wieder auferstandene Behelfsheime und einige ebenfalls wieder aufgebaute Geschäfte.

Was kann man als Kind in so einer Gegend machen? In den Trümmern durften wir aufgrund der ständig bestehenden Einsturzgefahr nicht spielen, am Osterbekkanal auch nicht, Mütter und Großmütter denken immer nur an das eine:“ Plumps und weg bist du“. Wir haben natürlich beide Verbote übertreten und in den Trümmern nach Blei gesucht. Wenn man die Stelle hatte, an der früher die Küchen waren, war das so ähnlich, als wenn man eine Goldader findet, Bleirohre in größeren Mengen, aber die Schrotthändler haben uns immer betrogen, egal wie viel wir brachten, wir bekamen immer nur 20 Pfennige. Es war ja auch heiße Ware.

Bei Regenwetter sind wir ins Ortsamt in der Poppenhusenstraße gegangen um Paternoster zu fahren. Natürlich waren wir laut und wurden raus gejagt. Die Frauen waren am giftigsten, die meckerten richtig. Die Männer sagten nur: „ Das geht ja nun wirklich zu weit“! Der eine hatte nur ein Bein und drohte immer mit einer seiner beiden Krücken. Uns war klar, dass er dann ja keinen Schritt laufen konnte und er wurde deshalb von uns als ungefährlich eingestuft.

In den Trümmern von Flachsland 50 wurde von einem Arbeitslosen illegal nach Schrott gegraben. Die Frau stand Schmiere, der Mann grub in der Schutthalde. Der Polizist, der alle zwei Stunden Streife ging wollte nichts sehen. Offenbar war er froh, dass er selber Arbeit hatte.

Vor dem Abräumen der Trümmer wurden Steine geborgen, das war legal. Eine Kolonne von vier Männern und einer Frau putzten in Akkordarbeit mit einem Maurerhammer den Mörtel von den Steinen, damit sie wieder verwendet werden konnten. Diese Kolonne machte bei uns im Garten unter dem Dachüberstand Pause. Es war im Februar und sehr kalt, in Holland war gerade die schwere Sturmflut.

Dann kamen irgendwann die Bagger und räumten die Trümmerberge ab. Es entstanden die freien Plätze und die Böschungen zum Osterbekkanal. Durch die Böschungen wurde das Angeln ohne Angelschein sehr populär. Vorher war Angeln eigentlich nur von den Löschplätzen aus möglich. Die Angler saßen auf den Steinpollern und beim leisesten Brummen eines Bootsmotores wurden alle Angeln hektisch eingezogen und hinter die Kante gelegt, die das Pflaster des Löschplatzes mit der Ufermauer bildete. Sie waren dann für ein Polizeiboot nicht mehr zu sehen. Leider waren diese Löschplätze aber von Polizisten zu Fuß gut zu erreichen und deshalb eigneten sich die Trümmerfeld Böschungen eben viel besser für das illegale Fische. Der Löschplatz in der Osterbekstraße wurde mit Boden zugeschüttet und zu einer Grünanlage ungestaltet. Die Pflastersteine sind immer noch unter dem Boden.

Flachsland 44, Eigentümer war ein Gastwirt mit seiner Frau und zwei großen irischen Settern. Der Gastwirt hatte ein Auto, einen Vorkriegs-DKW, schon sehr klapprig, aber doch einen Reichtum vortäuschend, der nicht vorhanden war. Der Wagen musste des Öfteren angeschoben werden. Der Start gestaltete sich folgendermaßen: Die Frau saß vorne rechts, die großen Hunde auf der Rückbank, wahrscheinlich haben sie den Dutt der Dame beschnuppert, der Kneipier rief mit vollendeter Freundlichkeit: “He Jungs, seid mal so nett“, und stieg ein. Es fanden sich immer einige Jungs, die ihr Spiel unterbrachen und die Kiste schoben bis sie ansprang und in einer Zweitaktwolke wegratterte. Wenn andererseits ein fremdes Auto in Sichtweite der Kneipe Startschwierigkeiten hatten, kam der Wirt sofort aus seinem Laden und bot Schiebehilfe an, hilfsbereit war der Alte schon. Er bot meiner Großmutter beim Tode meines Großvaters sogar an, sie zur Beerdigung zu fahren, sie lehnte aber ab, weil sie Angst hatte, dass die alte Karre Ohlsdorf nicht oder zumindest nicht pünktlich erreichen würde. Es waren immerhin 6 km.

Ecke Flachsland / Hufnerstrasse, war ein Gemüseladen mit Grünhökerwaren aller Art, Zeitschriften, sowie Waschmittel und Senf, den die Inhaberin mit einem Löffel in einer Steinzeugkrucke, in der er schon ziemlich eingetrocknet war, aufrührte, und in ein mitgebrachtes Glas abfüllte. Vor dem Gemüseladen stand ein Tempo-Dreiradwagen, mit dem die Ladenbetreiberin morgens zum Großmarkt fuhr. Die Reifen wurden im Sommer mit einer Gemüsekiste gegen Sonnenbestrahlung geschützt. Die kleine Windschutzscheibe wurde noch durch drei oder vier „Zebraplaketten“ eingeengt. Eine Zebra Plakette war eine Auszeichnung, die von der Polizei verliehen wurde, sie war das „Zeichen eines besonders rücksichtvollen Autofahrers“. Wenn man jeweils nur den ersten Buchstaben eines jeden Wortes liest entsteht das Wort Zebra.

Bei der Familie arbeiteten Mutter und Tochter im Laden, Mann und Schwiegersohn waren Dachdecker, so dass keine finanziellen Probleme bestanden. Die Angst der Familie bestand darin, dass die Kunden ihnen den Wohlstand neiden könnten und so bekam man ihren nagelneuen VW nur sonntagsmorgens sehr früh zu sehen, wenn sie zu ihrem Wochenendhaus in Sprötze fuhren, von dem auch niemand etwas wissen sollte.

Irgendwo zwischen dem Grünhökerladen und dem Tabakladen war ein Schreibmaschinengeschäft, Verkauf und Reparatur. Der Meister fuhr einen neuen Opel Olympia, der Sohn ein Opel Vorkriegsmodell. Der Chef war Freimaurer. Am Morgen seiner Beerdigung erschienen viele Herren mit Zylinder vor dem Geschäft, das war auch für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich. Offenbar war der Meister ein sehr guter Lehrherr, der Lehrling hatte jedenfalls völlig verweinte Augen. Das hat mich so beeindruckt, dass ich den ganzen Tag in der Schule nicht richtig aufpassen konnte.

Die Kirche in der Hufnerstrasse (die jetzt abgerissen und deren Rest in ein Wohnhaus integriert wurden) hatte drei Pastoren. Der älteste Pastor hatte alle Eltern getraut, alle Kinder getauft und die meisten Großeltern beerdigt. Klarer Fall, dass ich dort zur Konfirmandenstunde angemeldet wurde. Wir waren sechzig Konfirmanden, die beiden anderen Pastoren hatten jeder nur zwanzig. Es war klar, dass der alte Pastor durchgreifen musste und das tat er auch. Wenn er uns eine scheuerte, nannten wir das körperliche Unterhaltung.

Die Predigten dieses Pastors waren aber absolut nicht langweilig, eher theaterreif im positiven Sinne und er konnte ungeheuer gut singen. Er sprach den Segen nicht, er sang ihn in einer so ergreifenden Tonlage, dass es einem kalt und warm über den Rücken lief.

Obwohl er mir eine geklebt hat, ich denke gerne an ihn zurück.

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