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Schwarz + Weiß = Bunt

30. Oktober 2020   Sabine Engelhart   Aus dem Stadtteil, Schach, Sport, Unkategorisiert  

Schach für den Stadtteil

Ausgabe 2

Herzlich willkommen zur zweiten Schwarz-Weiß-Bunt-Ausgabe! Mein Name ist Jörn Bilicki und ich berichte an dieser Stelle regelmäßig über Aktivitäten und Ereignisse rund um das königliche Spiel aus und für den Stadtteil.

In dieser Ausgabe wird es um Schachübertragungen, eine erste Schachposition zum Mitdenken und die Wiederaufnahme des Spielbetriebes (Klubturnier) im Barmbeker Schachklub gehen.

Schach der Großmeister

Es ist für uns inzwischen ein gewohntes Bild: Viele der weltweit stattfindenden Sportereignisse sind multimedial und jederzeit für den Sportfan verfügbar. Besonders Live-Übertragungen im Radio, Fernsehen oder Internet transportieren Atmosphäre und Spannung eines Sport-Events so intensiv und facettenreich, dass diese Art des Dabeiseins für manche mehr ist, als nur ein Ersatz für einen Stadionbesuch.

Dies gilt ohne Frage für die großen Fußball- oder Leichtathletik-Übertragungen im Rahmen von Weltmeisterschaften oder olympischen Spielen. Aber für Schach? Ok: Es gibt Leute, die behaupten, dass Schach eh kein Sport sei, weil der intensive körperliche Aspekt fehle. Und überhaupt: Was ist an Schach denn so spannend, dass man darüber live in den Medien berichten sollte?

Die Frage, ob Schach ein Sport sei, greife ich gerne in einem weiteren Artikel auf (Achtung, Spoiler-Alarm: Ja, ist es.) Auf die Frage, ob man Schachpartien live übertragen kann, gab es viele Jahre nur eine Antwort: Nein. Stundenlange Spielzeiten, in denen minutenlang einfach nichts passiert, emotionslos auf ein Brett starrende Protagonisten und (wenige) zur Stille verdammte Zuschauer sind einfach zu wenig Spektakel für ein Medium, wie das Fernsehen, dass von Emotionen und der schnellen Abfolge spannender Bilder lebt.

Trotz dieser Vorzeichen startete der WDR 1983 einen Versuch, Top-Schach dem Fernsehpublikum näher zu bringen. „Schach der Großmeister“ [1] hieß die bis 2005 produzierte Fernsehsendung, deren Grundidee man durchaus als Vorlage für heutige Schachübertragungen im Internet betrachten kann: zwei Großmeister spielten Schach gegeneinander und zwei Kommentatoren (legendär: die beiden Großmeister Helmut Pfleger und Wlastimil Hort) analysierten den Spielverlauf und vermittelten die Spielideen den Zuschauern. Selbst auf Studiopublikum wurde nicht verzichtet und Anrufer konnten ihre Meinung zum Spiel abgeben. Einen faszinierenden Einblick in das damalige Format kann man sich auf YouTube verschaffen. [2]

Im Grunde funktioniert die Live-Berichterstattung von Schachpartien heute nicht anders. Lediglich die technische Basis hat das nächste Level erklommen: Das Internet ist DAS zentrale Übertragungsmedium, über dass ganze Turniere dem Publikum in aller Welt verfügbar gemacht werden. Das Publikum kann über Live-Chats seinen Emotionen freien Lauf lassen und die Pflegers und Horts von heute heißen Daniel Rensch, Robert Hess, Pjotr Swidler oder Anna Rudolph (um nur einige beispielhaft zu nennen).

Das allein hat aber das Kernproblem noch nicht gelöst: Eine Turnierpartie im klassischen Schach kann mehrere Stunden dauern und irgendwann geht auch den professionellsten Moderatoren der Gesprächsstoff aus, wenn alle Ideen der aktuellen Schachposition besprochen und sämtliche Anekdoten zu den Spielern erzählt worden sind. Manche Live-Übertragung vom „Altibox Norway Chess 2020“ [3] auf chess.com [4] oder chess24 [5] waren ein trauriger Beleg dafür.

Das es auch anders geht, zeigt sich an der Entwicklung zahlreicher neuer Turnierformate, in denen eine Erfindung von Robert James „Bobby“ Fischer [6] eine zentrale Rolle spielt: Der sogenannte „Fischer-Modus“ [7] führt dazu, dass die Spieler schneller spielen müssen, gleichzeitig aber nicht auf eine mögliche Zeitnot ihres Gegners setzen können. Dass auf dieser Basis qualitativ hochwertige und für den Zuschauer sowohl interessante als auch kurzweilige Partien möglich sind, zeigte u. a. die „Magnus Carlsen Chess Tour“ [8]: Geniale Ideen und haarsträubende Fehler waren nicht selten nur einen Zug voneinander entfernt und die Kommentatoren überschlugen sich regelrecht vor Begeisterung. Das alles sorgte für vergleichsweise hohe Zuschauerzahlen und ist mit Sicherheit auch ein Grund für die in den letzten Jahren wachsende Popularität dieses Sports (ja, Schach ist ein Sport). Es würde mich daher nicht wundern, wenn diese Formate auf das klassische Turniergeschehen ausstrahlen und dieses revolutionieren würden. Wenn man die Kritiken an der Remis-Serie in der Schach-WM 2018 [9] verfolgt, wäre das definitiv ein Gewinn.

Brillante Wendung

Die folgende Stellung entstand in einer Online-Fernschachpartie, in der ich die schwarzen Steine führte:

Es gelang mir, in der Eröffnung schnell das ungenaue Spiel meines Gegenübers zu nutzen und mit zwei Mehrbauern ins Endspiel zu gelangen. Die weiße Figurenstellung machte es mir allerdings schwer, die beiden (eigentlich) verbundenen Freibauern auf dem Damenflügel gewinnbringend einzusetzen. Nach dem letzten Zug (36.gxh6) drohte Weiß, den h-Bauern in eine Dame umzuwandeln. Ich versuchte dies daher, mit 36…Lc8 zu verhindern, sodass mein Turm den Bauern am Vormarsch hindert bei gleichzeitigem Angriff auf den weißen „Blockade“-Turm auf a6. Ganz nebenbei bleibt der Bauer auf e6 gedeckt. Ein netter Versuch, aber trotzdem ein Fehler. Warum? Und was hätte ich anders machen sollen? (Auflösungen am Ende des Artikels)

Aktuelles

Seit Mitte September 2020 läuft im Barmbeker Schachklub [10] wieder so etwas wie ein „normaler“ Schachbetrieb. Nach Vorlage und Umsetzung eines Hygienekonzeptes ist es wieder möglich, im Barmbek Basch [11] an echten Brettern (oder „Over-the-board“ (OTB), wie es im englischsprachigen Raum bezeichnet wird) zu spielen. Im Mittelpunkt steht dabei die laufende Klubmeisterschaft, die nach Spielstärken aufgeteilt in vier Gruppen durchgeführt wird und Anfang Dezember 2020 endet. Parallel dazu finden in loser Folge Trainings statt, in denen Schachwissen zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten vermittelt wird. Es lohnt sich also, Dienstags ab 19 Uhr zum kiebitzen, trainieren oder einfach zum Schachspielen vorbeizuschauen.

Neben Einzelturnieren gehören Mannschaftswettkämpfe zum festen Bestandteil des Terminkalenders. In diesem Jahr geriet der Kalender allerdings mächtig in Unordnung. Wegen der anhaltenden Pandemie wurde in sämtlichen Schachligen der Betrieb zunächst unterbrochen und in Hamburg schließlich abgebrochen. Ein Neustart mit reduzierter Mannschaftszahl ist für Januar 2021 geplant. Der Barmbeker Schachklub versucht auch dann wieder, mit fünf Mannschaften in unterschiedlichen Ligen anzutreten. Verständlicherweise sind einige Mitglieder zurzeit etwas zurückhaltender, was eine mögliche Aufstellung in einer der Mannschaften angeht, sodass es für die jeweiligen Mannschaftsführer diesmal besonders herausfordernd ist, ein Team aufzustellen, welches über den gesamten Saisonverlauf vollständig zur Verfügung steht. Aber vielleicht entschließen sich ein paar Mitglieder ja doch noch, ein Team zu unterstützen. Das gilt natürlich auch für Vereins-Neulinge, die mal Turnierluft schnuppern wollen. Dienstags besteht die Gelegenheit, sich hierzu mit Mitgliedern auszutauschen.

Auflösung der Schachaufgabe

Ich nahm an, dass Weiß eigentlich nur 37.Td6 oder 37.Ta4 hat, um irgendwie den Druck gegen die schwarze Bauernstellung aufrecht erhalten zu können. Ich übersah aber folgende brillante Wendung:

37.Tc6!!

Das Hauptmotiv lautet: Ablenkung! Wenn Schwarz den weißen Turm schlägt, dann ist der h-Bauer nicht mehr zu stoppen. Wenn Schwarz seinen Turm wegzieht (z. B. 37…Th7), dann fällt der Läufer auf c8. So oder so steht Weiß plötzlich besser und kann wieder auf Gewinn spielen.

Was hätte Schwarz aber besser machen können?

36…Lb5!

Unter Aufgabe eines Bauern nach 37.Txe6 kann Schwarz den weißen h-Bauern durch 37…Ld3 hemmen und beispielsweise nach 38.Tg6 seinen a-Bauern mittels 38…a5 mobilisieren (der weiße Turm auf g6 ist natürlich vergiftet: 38…Lxg6?? hxg6 und die weißen Bauern sind nicht mehr zu stoppen). Obwohl Schwarz sich einen „Restvorteil“ sichert, bleibt die Stellung weiterhin umkämpft. Trotzdem zeigt diese Stellung, dass es hin und wieder sinnvoller sein kann, sich nicht zu sehr am Materialvorteil festzuhalten, solange die Position andere Vorteile verspricht.

Nützliche Links

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Schach_der_Gro%C3%9Fmeister

[2] https://www.youtube.com/watch?v=0A6QOng-Y3c&list=PLn2npaGjwVmh0oiiVul9Arjjevxlyqtk2

[3] https://norwaychess.no/en/2020-2/

[4] https://www.chess.com/

[5] http://chess24.com/

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Bobby_Fischer

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Bedenkzeit#Fischer-System

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Magnus_Carlsen_Chess_Tour

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Schachweltmeisterschaft_2018

[10] https://www.barmbeker-schachklub.de

[11] https://barmbek-basch.info/

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