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Die Telenovela – Fernsehen als Gemeinschaftserlebnis

9. August 2018   Ralf Lorenzen   Film, Literatur, Unkategorisiert  

Von: Javier Hinestroza.  Vierter Teil der Erinnerungen an eine Kindheit an der Karibikküste Kolumbiens. Foto: Bryan Bruchmann

 

Die letzte Situation die hier beschrieben werden soll ist das Fernsehen in Gemeinschaft. Wie schon gesagt, gab es in meinem Dorf insgesamt nur wenige Fernseher. Viele Menschen trafen sich beispielsweise deswegen jeden Abend zur Prime Time (zwischen 20-22 Uhr), um die Telenovela der Saison anzuschauen. Aber Achtung, im angelsächsischen Raum wird oft die Begriffe Seifenoper und/oder Soap Opera als direkte Übersetzung verwendet. Die Telenovela ist, wie der kolumbianischer Medienwissenschaftler Martin Barbero sagte, ein fiktionales Produkt, das Einflüsse des Melodramas beinhaltet und sehr auf die populäre Kultur ausgerichtet ist. Dieses Genre findet eine lebhafte Zustimmung im lateinamerikanischen Raum. Dabei unterscheidet es sich von ähnlichen Formaten, die im angelsächsischen Raum gibt.

Und Telenovelas in Kolumbien sind auch bei der Bevölkerung sehr beliebt. Ich erinnere mich an eine Telenovela, die zwischen den Jahren 1986 und 1987 gezeigt wurde und “Gallito Ramírez” hieß. Die Geschichte handelte vom dem Leben eines jüngeren Boxers aus ärmeren Verhältnissen und sie spielte in einem kleinen Fischerdorf der karibischen Region. Der Junge wollte eines Tages Boxmeister werden, um ein besseres Leben zu haben und das reichste Mädchen des Dorfes heiraten zu können.

Plakat der Telenovela Gallito Ramírez (1986)

Die Nachbarschaft meiner Straße traf sich jeden Abend von Montag bis Freitag im Haus des einzigen Nachbarn, der ein Gerät  hatte. In dem Haus waren zu jeder Uhrzeit viele Nachbarn versammelt. Alle guckten – entweder in Stuhle sitzend, angelehnt an die Tür oder von außen durch die Fernster. Jede Folge der Telenovela dauerte 30 Minuten. Dazwischen gab es zwei Webepausen von jeweils 3 Minuten. Eine fiktionale Geschichte im Kollektiv zu betrachten hatte als direkte Folge den sozialen Dialog. Sowohl individuelle als auch kollektive Wahrnehmung führten zu Empathie-Phänomenen. Das Medium Fernseher hatte damals einen anderen Charakter. Es diente nämlich auch  zur kulturellen Begegnung von Menschen.

 Siehe hier den Vorspann der Telenovela: https://www.youtube.com/watch?v=8fPzCJXoe58