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Das Picó – Eine elektronische Trommel

11. Juli 2018   Ralf Lorenzen   Literatur, Musik, Unkategorisiert  

Von: Javier Hinestroza.  Dritter Teil der Erinnerungen an eine Kindheit an der Karibikküste Kolumbiens. Foto: Samuel van Dijk.

 Die folgende Erfahrung enthielt für mich aufgrund ihrer kulturellen Singularität eine akustische und eine soziale Bedeutung. Im Dorf gab es damals eine riesige Musikanlage, Picó genannt (nach dem englischen Pick-up), die als Wanderdiskothek bezeichnet werden kann, da sie ständig zur Begleitung von Festen umherzieht. Wenn man das Wort Pick-up aus dem Englischen übersetzt, kann dieses verschiedene Bedeutungen haben. Dies reicht von Tonabnehmersystem eines Plattenspielers bis hin zu einem Kleinlastwagen. Ähnliche Artefakte gibt es, natürlich mit lokalen Unterschieden, in anderen Ländern des amerikanischen Kontinents. Sie sind, so wie die Anthropologin Maria Alejandra Saenz das beschreibt, zum Beispiel unter dem Namen Sound Systems im Jamaica und Sonideros im Mexico oder Aparelhagens im Brasilien bekannt. Alle haben, so Saenz, zwei zentrale Merkmale gemeinsam: das Interesse an der Verbreitung afroamerikanischer Musik und die Tendenz, die Musik mit Lautstärke aufzulegen.

  Jedes Picó hat außerdem einen bestimmten Namen, der dazu dient, diese untereinander zu differenzieren.  Die Namen werden als Graffiti auf die Frontfläche des Lautsprechers gemalt. Weitere Motive, die regelmäßig zur Gestaltung der Anlage verwendet werden, sind:  Das Gesicht des Besitzers, Silhouetten von tanzenden Menschen und Landschaftsbilder aus der karibischen Region.

Anthropologisch gesehen existieren auf dem amerikanischen Kontinent von je her ähnliche Form kulturellen Ausdrucks. In dieser Hinsicht werden Picós in Kontinuität zu den afrikanischen Trommeln definiert, die bei der Versammlung von Sklaven in kolonialer Zeit in der kulturellen Begegnung immer präsent waren. Der kolumbianische Publizist Nicolas Contreras beschreibt solche Artefakte daher als elektronische Trommeln. Anhand dieser regelmäßigen Veranstaltungen wurde für mich die kulturelle und soziale Bedeutung performativer Handlungen deutlich. Das Picó wurde mit Spannung von allen Generationen erwartet. Mit der Lautstärke fing wie in einem Ritual der kollektive Tanz an. Die Hitze der tropischen Region und das Schwitzen der Haut in engen Räumen beförderte die allgemeine Ekstase.