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Annäherungen an die islamische Kultur

29. Juni 2018   Ralf Lorenzen   Literatur, Unkategorisiert  

Von Francoise Grimal. Durch Gespräche mit Menschen aus dem Iran, aber auch aus anderen arabischen Ländern, habe ich gemerkt, wie bruchstückhaft – und gerade im Hinblick auf die islamische Kultur auch in Klischees verhaftet – meine Kenntnisse über diese Länder doch sind. Die Informationen über Presse und Medien reichen nicht, um diese Lücken zu schließen und um mir den Zugang zu dieser Welt zu öffnen. Somit ist die Literatur für mich der Weg, auf dem ich versuche, diese Lücken zu schließen. Der Weg ist noch lang, aber einen Anfang habe ich mit zwei Lektüren gemacht.

„Die Handschrift von Granada“

Meine erste Lektüre, „Die Handschrift von Granada“ von Antonio Gala, brachte mich auf die Spuren der früheren hochentwickelten islamischen Kultur bis zu ihrem Untergang.

In der Einleitung wird der Fund eines handgeschriebenen Manuskripts beschrieben, das auf karmesinroten Blättern verfasst ist, wie sie nur von der Kanzlei der Herrscher Granadas benutzt wurden. Es handelt sich um das Tagebuch des letzten islamischen Herrschers von Granada, Abd Allah Mohammed, genannt Boabdil, dessen Lebensziele und politisches Handeln durch Toleranz und Menschlichkeit bestimmt waren. In der Regierungszeit von Abd Allah Mohammed fällt die Übergabe Granadas an die katholischen Könige am 2. Januar 1492. Danach verschwand die moslemische Herrschaft über Andalusien endgültig.

Dargestellt wird die islamisch geprägten Kultur Andalusiens und ihr Untergang. Andalusien war zu dieser Zeit ein Hort der Toleranz und der Menschlichkeit. Religiöse Toleranz galt gegenüber jedem, sei er nun Moslem, Christ oder jüdischen Glaubens. Andalusien war zugleich auch ein Hort des Wissens, der Bücher, der Forschung und des Fortschritts, insbesondere im Bereich der Medizin. Gezeigt werden die verhängnisvollen Folgen der kriegerischen Gegenüberstellung mit der katholischen Reconquista in der Zeit der Kreuzzüge. Die Christenkönige zogen durch die Welt in dem mörderischen Versuch, jeden zu unterwerfen und ihren Glauben mit Gewalt aufzuzwingen.

Das Buch zeigt, dass der Islam ein ganz anderes Gesicht haben kann als das, das durch die politische Entwicklung hervorgerufen wird und erinnert daran, dass das heute mehr oder weniger tolerante Christentum auch eine ganz anderes Gesicht hatte.

„Das Haus an der Moschee“
Ich weiß nicht mehr, wie ich an den Roman von Kaber Abdolah „Das Haus an der Moschee“ geraten bin, aber von Anfang an fand ich dessen Lektüren spannend. Sie hat mir weitere neue Türen geöffnet.

Kaber Abdolah musste den Iran 1985 aufgrund seines Engagements in einer linken Untergrundbewegung verlassen. Er schreibt überwiegend auf Niederländisch. Seinen fünften Roman hat er bewusst für westliche Leser geschrieben. Erst die neue Sprache im Exil hat ihm die Möglichkeit zur Distanzierung, aber auch zur Annäherung und Vermittlung seines kulturellen Hintergrunds gegeben.

Kaber Abdolah beschreibt sehr liebevoll, aber auch mit Humor, das Leben einer frommen Familie von Notabeln, deren Haus an der Moschee jahrhundertelang nach ähnlichen Regeln und Rhythmen und mit festen Hierarchien geführt wurde. Agha Djan, Teppichhändler, Herr des Hauses und des Basars, trägt die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Tradition. Er wird aber damit konfrontiert, wie dieser geschützte und überschaubare Kosmos durch die Entwicklung in dem Land, durch die politische Ereignisse verändert und bedroht wird.

Die Mitglieder der Familie Agha Djans finden sich in den Auseinandersetzungen zwischen islamischen Fundamentalisten und ihren Gegnern, auf Seite der Opfer und Täter, geraten zwischen die Fronten. Die Gegenspieler aus der jüngeren Generation sind Shahbal, der sich einer marxistischen Studentengruppe anschließt, die zuerst vom Geheimdienst des Schahs und später von den Mullahs geächtet wird und der Geistliche Galgal, ebenfalls Schahgegner, der ins Exil flieht und Jahre später als Adlatus Khomeinis und grausamer Richter Gottes zurückkehrt.

Der Roman entwickelt sich zu einer Familiensaga und zugleich zu einer Chronik, die die Entwicklung in Iran von der Modernisierung durch die „weiße Revolution 1963“ bis zur Rückkehr Khomeinis aus dem Exil und zur islamischen Revolution 1979 bildlich darstellt. Es ist die Entwicklung einer Diktatur der Intoleranz, die durch die politische Instrumentalisierung von Religion die harmonische Koexistenz von religiöser und weltlicher Sphäre zerstört.

Text und Foto: Francoise Grimal.