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Die Wasserabgabeanstalt

21. Juni 2018   Ralf Lorenzen   Literatur  

Eine Geschichte von Francoise Grimal

 Das Gitter war noch geschlossen. Rechts und links standen zwei Polizisten, denn in der letzten Zeit war es manchmal zu Unruhen gekommen. Es gab zwar andere Wasserabgabeanstalten in der Stadt, aber oft wartete man dort vergebens und nach Stunden wurde mitgeteilt, dass leider kein Wasser mehr sei. Die Ausgabestelle am Hafen war bis jetzt nie versiegt. Die Schlange von Menschen, die sich vor und in den Öffnungszeiten bildete wurde zwar immer länger, aber es wurde in Kauf genommen, weil das Warten bis jetzt nie vergebens gewesen war. Jeder kam mit einem Kanister von fünf Litern, mehr wurde pro Tag nicht ausgegeben. Das Wasser vom Fluss konnte man nicht mehr benutzen, besonders im Hafen war es immer dreckiger geworden. Es war im Laufe der Jahre wie Blei geworden. Irgendwann waren keine Schiffe mehr eingelaufen, weil sie aus der dickflüssigen Strömung nicht mehr hinauskonnten. Einige waren gestrandet und lagen seitdem verlassen.

In manchen Teilen der Stadt gab es noch Wasser. Flussabwärts oder Richtung Flussmündung, dort wo die Menschen aus den besseren Schichten lebten, war es grün, das konnte man hinter den hohen Mauern sehen, die sie dem Flussufer entlang gebaut hatten, um sich vor den zu schützen, die kein Wasser hatten. Es wurde erzählt, dass sie riesige Schwimmbäder hatten, die wie Seelandschaften aus früheren Zeiten aussahen, die man allerdings nur noch aus Büchern kannte. Erzählt wurde vieles über das, was sich hinter den hohen Mauern abspielte, aber niemand konnte es bestätigen, denn jeder der versucht hatte, darüber zu klettern, hatte es mit dem Leben bezahlt. Sie kannten nichts anderes als das bleierne übelriechende Wasser vom Hafen, in dem es kein Leben gab, keine Pflanzen, keine Fische. Auch die Vögel waren verschwunden und das Kreischen der Möwen war nicht mehr zu hören, weil es sie nicht mehr gab. In den Häusern war auch das Wasser verschwunden. Früher hatte es fließendes Wasser gegeben, in jeder Wohnung gab es eine Küche und ein Bad. Inzwischen gab es für jeden Wohnblock kollektive Sanitäreinrichtungen und Gemeinschaftsküchen. Auch dort wurde die Abgabe von Wasser streng kontrolliert und auf ein Minimum reduziert.

 Früher erzählten die Alten war der Fluss der Strom des Lebens, auf ihm und um ihn spielte sich das Leben der Menschen ab. An dem einen Ufer war ein riesiger Obst- und Gemüsegarten angelegt. In dem Hafen liefen nicht nur die riesigen Containerschiffe, die zuletzt die Aktivitäten des Hafens geprägt hatten, sondern früher die kleinen Schiffe und Boote der Fischer, die früh losfuhren und beim Sonnenuntergang mit ihrer Fischladung zurückkehrten. Auf dem großen Marktplatz wurde der Fisch gekauft und die Bauern kamen mit der Fähre vom anderen Ufer, um Obst und Gemüse zu kaufen. Der Marktplatz war mit den Jahren ein Ort der Begegnung und des Feierns geworden. Gaststätten standen dort, Kneipen, die bis spät in die Nacht hinein geöffnet waren. Das alles war verschwunden. Der Hafen war leer und verlassen. Der Fluss war heute ein blind gewordener Spiegel.

Da es an dem Tag besonders heiß war, hatten sie die Türen der Wasserabgabeanstalt früher geöffnet, um die Menschen in dem Gebäude hineinzulassen, das ihnen vor der Sonne Schutz bot. Die Abgabestelle befand sich in einem riesigen weiß gekachelten Raum.  Gegenüber der Tür stand die Wassersäule, die bis zur Decke reichte und an deren Hahn die Kanister gefüllt wurden. Um den Raum an der Wand waren Holzbänke, auf die sich die Menschen während des Wartens sich hinsetzten konnten. Der Raum war kahl und ungemütlich. Am Anfang hatten die Menschen geschwiegen, sich misstrauisch beobachtet. Mit der Zeit hatten sich aber kleine Gruppen gebildet, die sich unterhielten und jeden Tag den Faden ihrer Unterhaltung wieder aufnahmen. Ein alter Mann hatte als erster das Schweigen gebrochen und von den alten Zeiten erzählt, „als es noch Wasser gab“. Alle hatten ihm mit einer Mischung von Spott und Mitleid zugehört und mit den Schultern gezuckt, wenn er der früheren Zeit nachtrauerte und seine Erzählungen mit der Frage abschloss „warum haben wir zugelassen, dass es soweit kommt“.  Die Männer hielten ihn für verrückt, saßen in größerem Abstand von ihm und verharrten in ihrem Schweigen.

Die Kinder aber, die das Warten langweilte, hatten sich bald um ihn versammelt, weil er so schöne Geschichten vom Wasser erzählte, von unbekannten Lebewesen, Fischen, Vögeln, von Menschen, die das Abenteuer im und auf Wasser erlebten. Kinder sind anders als Erwachsene und erobern sich die Welt mit ihrer Phantasie, die von den Erzählungen des alten Mannes geweckt wurden. Dann waren die Frauen dazu gekommen, weil sie auf ihrer Kinder aufpassten und zunächst befürchteten, dass der alte Mann ihnen Flausen in den Kopf setzen könnten. Aber für sie hatte er auch Geschichten, die sehr bald in ihr Träume und Wünsche geweckt hatten: vom Baden, Schwimmen, sich treiben lassen im Wasser und wie verwandelt und schön, mit weicher sanfter Haut daraus Kommen, von romantischen Treffen abends am Fluss- oder Seeufer bei Vollmond, von Treffen um die Waschstelle am Dorfbrunnen, von Lachen und Klönen nach Ende der Arbeit. Frauen schmücken gern die Realität mit ihren Träumen. Die Männer schwiegen weiter, aber die Träume ihrer Kinder und ihrer Frauen lastete immer schwerer auf ihren Schultern. Gern hätten sie ihre Wünsche erfüllt, davon zu träumen, trauten sie sich aber nicht.

An diesem Tag war der alte Mann nicht gekommen. Die Kinder saßen enttäuscht und gelangweilt. Die Frauen flüsterten und mutmaßten, ob ihm vielleicht etwas zugestoßen sei, ob er möglicherweise gestorben sei. Vielleicht hatte er die trockene Hitze nicht mehr ertragen. Die Männer saßen und schwiegen. Als es anfing mit der Wasserzuteilung, ging die Tür auf und ein Mann und einer Frau traten ein. Niemand kannte sie, niemand hatte sie bis jetzt gesehen.  Durch ihre Kleidung fielen sie auf. Sie waren bunt angezogen. Sie setzten sich und die Frau deponierte den Korb, den sie trug vor ihren Füßen. Der Korb war mit einem Tuch bedeckt, das sie wegnahm und sorgfältig faltete. In dem Korb war eine Pflanze mit einer Blüte und ein mit Wasser gefülltes Glass, in dem ein Fisch schwamm. Das behaupteten die Kinder, die trotz Ermahnungen der Mütter, nähergetreten waren, denn so hätte der alte Mann Blumen und Fische beschrieben.

Die Kinder fragten und wollten wissen, woher der Mann und die Frau kämen, aus welchem Land und ob es dort Flüsse und Seen gäbe, wo mehr von solchen Fischen schwimmen würden, ob am Ufer Blumen wachsen würden, wie die eine Blume im Topf. Und der Mann erzählte, dass sie von der anderen Seite des Meeres gekommen seien. Früher wäre das Land, wo sie herkamen fruchtbar gewesen. Dort hätten sie von dem gelebt, was sie gepflanzt hatten, von den Tieren, die auf den Wiesen weideten, von den Fischen, die sie aus den Seen und Flüssen gefangen hatten. Das hatte der alte Mann auch erzählt.

Dann wären Fremde gekommen, erzählte der Mann und hätten das Wasser gestaut, die von den Bergen kam. Sie hatten einen riesigen Stausee gebildet, zu dem die Fremden ihnen aber keinen Zugang gewährt hätten. An dem Ufer des Stausees hatten sie eine Stadt gebaut, die nur in der Sommerzeit lebte, sonst war es eine tote Stadt. Dort wurden Menschen aus anderen Ländern gebracht, die den ganzen Tag nichts anderes taten, als schwimmen, in der Sonne liegen, über den Stausee mit Segel- oder Motorbooten zu fahren. Tagsüber lagen sie faul in Liegestühlen unter riesigen Sonnenschirmen. Nachts leuchtete die Stadt und es wurde gefeiert. In dieser Stadt herrschte das Geld und sie wäre wie ein Moloch gewesen, die alles um sich aufgesogen hätte, das ganze Wasser aus den Quellen. Unten im Tal hätte es nicht mehr gereicht für die Pflanzen, für die Tiere, Flüsse und Seen wären versiegt und die Menschen hätten das Land verlassen.

Da sich die Dürre immer mehr ausgebreitet hatte, denn es wurden immer mehr solche Städte gebaut, in denen es für sie, die Einheimischen keinen Platz gab, hatten sie mit ein paar anderen das Meer überquert, sich dabei vielen Gefahren ausgesetzt. Das Leben auf der anderen Seite des Meeres wäre für sie auch nicht leicht gewesen. Man hätte sie von Ort zu Ort vertrieben, bis sie hier in dieser Stadt gelandet wären, die langsam austrocknete, in der die Menschen wie Tiere im Käfig gehalten wurde, in der sie bald sterben würden. Es sei denn sie wären bereit zu kämpfen, um zu überleben, zu kämpfen gegen die, die das Wasser in Geld verwandelten. Als der Mann zu Ende erzählt hatte, wurde es sehr still in der Wasserabgabeanstalt am Hafen. Die Kinder haben nicht mehr gelacht, die Frauen haben sich zu den Männern umgedreht, die aufgestanden sind. Sie würden kämpfen, um das Überleben, um das Wasser, um ihre Träume.