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Eine Kindheit in der Karibik

1. März 2018   Ralf Lorenzen   Literatur, Unkategorisiert  

Middenmang wird in Zukunft den persönlichen Erinnerungen von Autor*innen noch mehr Raum geben.  Heute beginnen wir mit einer Serie von vier Texten, die unser Redaktionsmitglied Javier Hinestroza verfasst hat. Was er über seine Motivation erzählt, trifft auch auf die anderen Autor*innen zu, deren Texte wir anschließend veröffentlichen.

“ Fragen wie: woher man kommt, wo man gerade ist und wie es weiter geht sind für mich sehr wichtig, um meine künftigen Aufgaben mit einem größeren Selbstvertrauen zu bewältigen.  Ich versuche zurzeit, mit Erinnerungen an vergangene Orte spezifische und dynamische Dialogräume für mich selbst und für die Gesellschaft, in der  ich mich nun befinde, zu eröffnen. Diese vier Erinnerungen entsprechen ungefähr der Periode meiner Kindheit bis ich zwölf Jahre alt war. Zu der Zeit lebte ich an einem einzigen Ort – einem Dorf an der karibischen Küste Kolumbiens. Besonders interessiert es mich, auf formale, mediale und materielle Aspekte dieser Erinnerungen bzw. Erfahrungen einzugehen.

Erste Erinnerung: Mündliche Erzählungen

Eine der ersten sinnlichen Erfahrungen, an die ich mich erinnern kann, waren mündliche Erzählungen. Ich lebte bis ich zwölf Jahre alt war in meinem Dorf, einem isolierten und nur mit dem Flugzeug oder dem Schiff zu erreichenden Ort der kolumbianischen Karibik. Unter diesem Umstand waren mündliche Überlieferungen für mich eine Art imaginäre Enzyklopädie: Familiare Erzählungen nutzten zur Rekonstruktion des Stammbaumes und zum Verreisen an verschiedene Orte, die durch Wörter beschrieben waren. Der reale Charakter dieser Erzählungen wurde für mich auch aus den folgenden zwei Gründen zur Eingangstür in die fiktionalen Welten:

Oft saßen wir abends, beleuchtet von Petroleumlampen, zusammen um erwähnenswerten Ereignissen eines Familienmitgliedes oder ggf. eines Dorfbewohners zu lauschen.

Erstens handelte es sich um reale Geschichten von Menschen, die einen Bezug zur mir hatten. Oft saßen wir abends, beleuchtet von Petroleumlampen, zusammen um erwähnenswerten Ereignissen eines Familienmitgliedes oder ggf. eines Dorfbewohners zu lauschen. Die Geschichten wurden entweder von den Hauptfiguren selbst erzählt oder spielten auf Taten von Personen an, die im Moment des Geschehens der Oralität abwesend waren und/oder anderen Generationen angehörten und bereits verstorben waren. Vielleicht hatten diese Geschichten aufgrund des direkten Umfelds, ich meine hiermit die Nacht, die Stille, das Meer, den Regenwald, etc. eine polysemische Bedeutung und waren dadurch sehr nah dran an fiktionalen Dynamiken.

Zweitens waren aufgrund der isolierten Lage einige kommunikative Medien von großer Bedeutung für den interregionalen Kontakt. Es ist die Rede von der Zeit der 8oer Jahre –  und das alles passierte in einem so genannten Entwicklungsland. Beispielweise gab es zu der Zeit in meinem Dorf überhaupt erst seit sehr kurzem (seit ca. zwei Jahren) Zugang zum öffentlichen Fernsehen, bei dem damals zunächst nur ein einziger Sender zu empfangen war. Bewegte mediale Bilder waren demnach keine Massenphänomene. Im Dorf gab es auch ein kleines Kino und maximal fünf Telefongeräte. Alte Medien wie Briefe, Telegramme, das Radio und an kleinen Masten befestigte Megaphone, durch welche drei Mal am Tag lokale Botschaften gesendet wurden, waren die wichtigsten kommunikativen Artefakte und wurden sehr aktiv genutzt.
Fortsetzung folgt.