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Die Verlorenen – Buchbesprechung

2. Juli 2017   Ralf Lorenzen   Literatur  

Daniel Mendelsohn: Die Verlorenen. Eine Suche nach sechs von sechs Millionen.

Eine Buchbesprechung unseres Autoren Dr. Anıl Kaputanoğlu/

Mit sechs bis acht Jahren wunderte sich Daniel, warum viele ältere Verwandte in Miami Beach, alle Juden, häufig anfingen zu weinen, wenn er das Zimmer betrat und sie ihn sahen. Daniel erfährt schließlich, dass seine Ähnlichkeit mit dem von Nazis ermordeten Großonkels diese Reaktion hervorruft.

So beginnt eine äußerst spannend zu lesende vierjährige Spurensuche des US-amerikanischen Altphilologen und Journalisten Daniel Mendelsohn nach dem Schicksal dieses ‚verlorenen‘ Großonkels Shmiel Jäger mütterlicherseits und dessen Familie in der ukrainischen Kleinstadt Bolechow, im Galizien der 1940er Jahre, den sechs unter sechs Millionen ermordeten europäischen Juden. Die Verlorenen gibt einen Einblick in die Geschichte einer jüdischen Familie in den USA, in die Erinnerungen der Überlebenden, der aussterbenden Zeitzeugen der Shoah, die ihre erschütternden Erlebnisse bewahren, aber sonst nicht weitererzählen können, in die Kluft sowie Sprachlosigkeit zwischen ihnen und den Nachgeborenen, vor allem der Enkelgeneration, US-Amerikanern, die nur wenig Bezug zu diesen haben und diese Kluft vor allem in der jiddischen Sprache der Überlebenden erkennen, wenn diese plötzlich bei bestimmten Situationen die Sprache wechseln. Dies ist schon in zahlreichen Publikationen, Erzählungen und der Forschung über die Shoah, auch am Beispiel der Stadt Bolechow in Dokumentationen sowie Berichten der Überlebenden aufgearbeitet. Von über 3000 Juden überlebten hier lediglich 48 bei zwei unfassbar grausamen ‚Aktionen‘, Razzien der deutschen Besatzer, an denen ukrainische Einheimische beteiligt waren.

Doch die besondere Qualität dieses Buches liegt weniger in  diesem Altbekannten. Mendelsohn gelingt hier das Unmögliche, er schafft ein lebendiges Porträt der Ermordeten, deren Leben, Überlebenskampf und Tod, aber auch der Überlebenden und deren Retter. Er erzählt zugleich seinen Versuch, seinem Großonkel und dessen Familie, im Erzählen und auf der Spurensuche näher zu kommen, ausgehend von den äußerst lückenhaften Geschichten des Großvaters über das eigene Leben und das Schweigen über den eigenen Bruder. So werden unbekannte fremde ‚Randfiguren‘ in der Geschichte der Shoah zu vertrauten Helden.

Es geht schließlich nicht bloß um Fakten, sondern um die Mosaikteile, die diese anonymen Toten lebendig werden lassen –  in den Erinnerungen, Erlebnissen und Beobachtungen der Überlebenden. Dieses Mosaik setzt Mendelsohn in seiner Spurensuche rund um die Welt, von der Ukraine, über Australien bis Israel, zusammen, in Begegnungen mit den Überlebenden oder ukrainische, russische und polnische Nachbarn, die den Großonkel und dessen vier Töchter gekannt haben. Nebenbei entstehen auch sehr menschliche Porträts der Überlebenden, von Fremden, denen Mendelsohn sehr nahe kommt und mit denen er Freundschaft schließt. Und so nebenbei erzählt Mendelsohn auch die Geschichte einer Annäherung zwischen ihm und seinem jüngeren Bruder Matt, der ihn bei seiner Reise begleitet und der die im Buch verstreuten sehr einfühlsamen Fotografien macht.

Das Buch zu lesen, kann eine Herausforderung sein: Mendelsohn erzählt mit detektivischem Gespür in einem umkreisenden Erzählen, verschachtelten langen Sätzen, in denen Vergangenheit und Gegenwart sich vermischen, in dem es schließlich weniger um die Fakten geht, sondern um das Erinnern und Geschichtenerzählen selbst, um das Problem einer uneinholbaren Vergangenheit als Ganzes.

Und besonders sind diejenigen Teile berührend und bewegend, wenn sich der Autor die Frage stellt, was das Menschliche und Moralische ausmacht. Wie und warum entscheiden sich Menschen für das ‚Gute‘ oder das ‚Böse‘? Und wie und warum verhalten sie sich in extremen Situationen, so wie die vielen Verräter und Denunzianten, oder auch die vielen Menschen, die unsere Nachbarn sind und im Bewusstsein der eigenen Todesgefahr, andere Menschen retten und helfen?

In diese persönliche Geschichte der Shoah sind auch Lektüren der Thora des Altphilologen Mendelsohn montiert, in denen er die Bibelkommentare des berühmten Rabbiners Raschi aus dem 11. Jahrhundert referiert, diese mit denen des ‚moderneren‘ Rabbiners Richard Elliott Friedman kontrastiert. So erweitert Mendelsohn die persönliche Geschichte sowie die Etappen seiner Spurensuche und Erkenntnisse beginnend von der Schöpfungsgeschichte, Kain und Abel, Abraham und Noah zu einem universellen Text. Uns Lesern wird bewusst: das Erzählen einer Geschichte, dessen Voraussetzungen und Bedingungen selbst wird hier en passant mitreflektiert. Zugleich erkennen wir die Geschichte von Kain und Abel auch in den Geschichten der Brüder, dem Großvater und Großonkel, Daniel und Matt, wieder. Besonders diese Passagen geben auch einen Einblick in die Erinnerungskultur der Juden, die Bedeutung des Erinnerns an die Shoah sowie der Zeitzeugen.

Dieses Buch hat zu Recht zahlreiche internationale Literaturpreise erhalten.

Daniel Mendelsohn: Die Verlorenen. Eine Suche nach sechs von sechs Millionen. Übers. von Eike Schönfeld. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2011.

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