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Maskeradenzeit

11. Mai 2020   Sabine Engelhart   Aus dem Stadtteil, Corona  

von Martin Ripp

„Ich habe Ihnen was Besonderes mitgebracht“, sagte Frau Aslan und drückte es Herrn Heitmann in die Hand.

„Eine Maske?“ Er lachte. „Was soll ich denn damit, wo ich jetzt so selten rausgehe?! Und selbst anstecken kann man sich ja nicht!“

„Wer weiß das schon? Die sogenannten Experten behaupten einmal das und einmal dies. Und ein Kollege sagt am nächsten Tag genau das Gegenteil! Deshalb kann man gar nicht vorsichtig genug sein! Sie lüften doch die Wohnung. Vielleicht kommt das Virus durchs Fenster geflogen?“

Herr Heitmann schmunzelte und legte die Maske auf den Tisch. „Das Fernsehen hat ja schon viele selbstgebastelte gezeigt, schlichte, bunte und sogar furchterregende Zombie-Masken. Aber ihre mit den sorgfältig vernähten schwarz-rot-gold-Streifen, unsere Deutschlandflagge, ist originell!“

Frau Aslan lächelte. „Das Lob werde ich gleich an meinen Mann weitergeben. Es war seine Idee!“

„Grüßen Sie ihn von mir, aber nehmen Sie sie bitte wieder mit für jemanden, der sie wirklich benötigt! Ich bin mit meinen neunundachtzig Jahren schon weit über das Verfalldatum!“ Er machte eine Pause. „Nein, das nehme ich zurück, das klingt zynisch! Ich bin ja froh, dass es mir noch so gut geht und ich die Statistik ein wenig beeinflussen kann! Aber bevor ich auf andere angewiesen sein muss, möchte ich, dass es vorbei ist! Und dann ist es mir egal, ob mich ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall oder dieses seltsame Virus dahinrafft!“

Frau Aslan schmunzelte, als würde er fortwährend komische Dinge von sich geben.

„In einer Hinsicht bin ich froh“, begann er nachdenklich. „Es wäre eine Katastrophe, wenn Regine diese Zeit, die manche unwirklich wie einen Hollywoodfilm empfinden, miterleben müsste. Unsere Generation, die am Zweiten Weltkrieg mitleiden musste, nimmt sie vielleicht gelassener hin. Meine Frau war aber wegen ihres Asthmas so ängstlich, dass sie an einer Bronchitis oder an einer Lungenentzündung sterben könnte.“

„Ja, und dann ist es ganz anders gekommen! Das Schicksal hat anders entschieden.“

Sie sah ihn ernst, fast traurig an.

„Dabei hatte ich ihr geraten, das Fahrrad stehen zu lassen!“ Herr Heitmann sah seine Nachbarin an, als wolle er damit sagen, alles getan zu haben, um keine Schuldzuweisung von ihr zu bekommen.

„Aber Sie hatten keinen Grund!“, widersprach sie. „Im Gegenteil: Regine war fit und ging zweimal in der Woche mit mir in den Sportverein. Außerdem war die Schuldfrage doch eindeutig!“

„Schuldfrage, Schuldfrage“, wiederholte er, plötzlich wütend werdend, „ist die noch wichtig, wenn ein Mensch unwiederbringlich tot ist?!“

Sie schwieg und er brauchte auch einen kleinen Moment, um sich wieder zu beruhigen.

„Nach der Beerdigung habe ich mich mit dem Fernfahrer getroffen. Die Verabredung auf einem Rastplatz ging von ihm aus. Er war abgespannt und wirkte gehetzt. Ohne große Begrüßung drückte er mir eine Flasche tschechisches Bier in die Hand, die er einfach aus seiner Ladung herausgenommen hatte und sagte: ‚Ich habe Ihre Frau beim Rechtsabbiegen nicht gesehen!“ Er hielt inne, trank einen Schluck Bier und betrachtete mich mit seinen braunen, dunkel umränderten Augen. Mir fehlten die Worte für eine Antwort. Ich drückte die Flasche immer fester, hatte das Gefühl, dass sie zerplatzen würde, und unterdrückte den Reflex, sie ihm über den Schädel zu schlagen.

Er sah mich an, als könne er Gedanken lesen und sagte leise: ‚Es war wirklich so! Ich schwöre es!‘ Spontan reichte ich ihm die Hand, schleuderte die Flasche in ein Gebüsch und ging.“

Frau Aslan war nicht in der Lage, darauf zu antworten. Sie wollte sowieso gehen, blieb in der Tür stehen, wischte sich über die Augen und sagte: „Freitag bringe ich Ihnen wieder Kartoffeln mit.“

Er hatte das Gefühl, bald zu platzen und öffnete das Wohnzimmerfenster.

Obwohl er nicht mehr so gut hörte, hatte er immer Spaß an den Spielen der Kinder gehabt und erfreute sich an ihrer Lebendigkeit und ihrem unbekümmerten Lachen. Die Spielgeräte wirkten jetzt wie Skulpturen. In der Sandkiste ‚badete‘ eine Schar Spatzen. Ihr Schilpen konnte er nicht hören, aber das Geräusch des im Winde flatternden rot-weißen Plastikbandes. Plötzlich stieg etwas in ihm auf und er schrie: „Scheißvirus! Und dann gab man dir noch – wie zum Hohn – diesen schönen Mädchennamen Corona!“

Anfang April war es auf der Westseite noch recht kühl. Trotzdem stützte er sich weiter auf die Ellbogen, schaute hinaus und überlegte, warum er Frau Aslan seine Gefühle preisgegeben hatte. Er wusste ja auch einiges von ihr. Außerdem kümmerte sie sich uneigennützig um ihn.

Die Spatzen in der Sandkiste waren verschwunden. Eine Krähe war dort am Suchen, unterbrach es manchmal, fing zu krächzen an und bewegte dabei den Kopf herunter und hinauf, als würde sie nicken.

Ihm fiel ein, dass Frau Aslan vor ein paar Jahren am Heiligabend mit einem Suppentopf herüberkam. „Die müssen Sie unbedingt probieren!“ hatte sie gesagt. „Wir kennen Weihnachten ja nicht, aber an unserem Opferfest ist das eine Tradition! Ich habe sie gekocht nach einem Rezept meiner Großmutter.“

Außerdem hatte sie für Regine eine Tafel Schokolade und für ihn ein Marzipanschweinchen mitgebracht und wie als Entschuldigung gesagt: „ Sie haben ja keine Kinder, die Ihnen etwas schenken könnten!“

Seine Frau und er waren sehr beschämt, und machten sich den ganzen Abend Vorwürfe, warum sie nicht darauf gekommen waren, ihr eine Freude zu machen, obwohl Weihnachten für sie ja keine Bedeutung hatte.

Als er allein war, bot sie sich an, für ihn Essen zu kochen. Das lehnte er aber ab, da er mit einfachen Gerichten keine Probleme hatte und auch befürchtete, mit ihrem Mann in einen Konflikt zu geraten. Den sah er nur gelegentlich, wenn sie einander im Treppenhaus begegneten. Er schien ziemlich wortkarg zu sein, und deshalb blieb es bei einem Gruß.

Bis vor zwei Jahren hatten sie einen kleinen Laden, eine Änderungsschneiderei.

Die Tochter hatte einen Landsmann geheiratet und war mit ihm in die Türkei gegangen. Der Sohn hatte in Freiburg studiert und sich in eine Kommilitonin verliebt. Jetzt freuten sich seine Eltern auf das kommende Enkelkind.

Obwohl das Essen reichhaltig war, verspürte er Appetit auf Kuchen, Kaffee hatte er noch im Haus. Seit zwei Wochen stellte der Fahrer seine Bestellung auf der Fußmatte ab, klingelte und lief die Treppe hinunter. Freitags, kurz vor zwölf, legte er das Geld für fünf Tage in einem Umschlag vor die Tür. Am Wochenende kochte er selber.

Er hörte seinen Magen knurren und schloss das Fenster. Der kurze Weg zum Bäcker war doch für ihn erlaubt und auch kein Problem.

Er legte sich die Maske an. Das Gummiband war ein bisschen knapp und spannte hinter den Ohren. Das Luftholen durch den Papierfilter, durch den gerade die Nase passte, war anstrengend, fast beklemmend. Er atmete durch den Mund.

Im Schlafzimmer wechselte er die Hose und zog die Daunenjacke über.

Am Schrankspiegel schlich er vorbei, ohne hineinzusehen. Er befürchtete, dass er diesen ‚albernen Kram‘ herunterreißen würde. Das wollte er Frau Aslan nicht antun, wo sie sich soviel Mühe gegeben hatte!

Als er die Treppe hinunter ging, schmunzelte er über das, was ihm gerade eingefallen war. Wenn einige Leute ihn erstaunt anblickten oder sogar spöttisch lachten, würde er sagen: „Haben Sie denn noch nichts von der Lockerung gehört? Endlich wieder Fußball! Das abgesagte Länderspiel findet doch statt! Deutschland gegen Schweden wird am 29. April 20 aus dem Dortmunder Stadion übertragen.“

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