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Unter dem Motto „Die Zeit läuft ab: Keine Ausreden mehr!“

14. Oktober 2019   Francoise Grimal   Middenmang  

KLIMASTREIK 20.09.2019
Ein Beitrag von Françoise Grimal
Foto: Sabine Engelhart

Viele sind an dem Tag auf die Strasse gegangen, vor allem junge Menschen. Und dann? Kehrt man zum Alltäglichen und überlasst der Politik die Aufgabe, unsere Zukunft zu gestalten?

Wäre es nicht angebracht, selber darüber nachzudenken, wie wir uns unsere Zukunft vorstellen und gestalten wollen zusammen mit den jüngeren Generationen? Wäre nicht die Erfolgschancen größer, wenn die Generationen in Dialog treten würden, zusammen Forderungen aufstellen würden, um zu verhindern, dass es zu spät wird und nichts mehr zu retten ist?

Zum Nachdenken einige Zitate aus den Reden zum Klimaschutz von Greta Thunberg:

Stockholm 8. September 2018: Im vergangenen Sommer schrieben die Klimaforscher Johan Rockströ und einige andere, dass uns noch höchstens drei Jahre bleiben, den Anstieg der Treibhausemissionen umzukehren, wenn wir die im Pariser Klimaschutzabkommen gesetzten Ziele erreichen wollen.

Seitdem sind mehr als ein Jahr und zwei Monate vergangen und in dieser Zeit haben viele weitere Wissenschaftler dasselbe gesagt. Aber vieles ist schlimmer geworden und die Treibhausemissionen steigen weiter. Wir haben also vielleicht noch weniger Zeit als das eine Jahr und die zehn Monate, die uns laut Johan Rockström noch bleiben.

Wenn die Menschen das wüssten, bräuchten sie mich nicht u fragen, warum ich mich so „leidenschaftlich für Klimawandel“ interessiere…

Denn wenn alle wüüsten, wie ernst die Lage ist und wie wenig tatsächlich getan wird, würden alle kommen und sich neben uns setzten…

Sofort.

Dies ist keine plotilische Rede. Unser Schülerstreik hat nichts mit Parteipolitk zu tun.

Denn das Klima und die Biosphäre kümmern sich keine Sekunde lang um Politik und unsere leeren Worte.

Sie kümmern sich nur um das, was wir tatsächlich tun.

Dies ist ein Hilferuf. …

An euch alle, die ihr diese Krise nie als Krise behandelt habt

An alle Influencer, die sich für alles einsetzen außer für das Klima und die Umwelt.

An alle Politiker, die sich in den sozialen Medien über uns lustig machen und mich anprangern, so dass mir Leute mir sagen, ich sei retardiert, eine Bitch oder eine Terroristin und vieles andere.

An euch alle, die ihr euch tagtäglich dazu entscheidet, wegzusehen, weil ihr offenbar mehr Angst vor Veränderungen habt, die einen katastrophalen Klimawandel verhindern können, als vor dem katastrophalen Klimawandel selbst.

Euer Schweigen ist beinahe das Schlimmste.

Die Zukunft aller kommenden Generationen ruht auf euren Generationen Schultern

Ich kann die Lektüre von diese Reden nur empfehlen, zusammengefasst unter dem Titel: „Ich will, dass ihr in Panik geratet!

Ansätze zum Nachdenken und Dialog zwischen den Generationen sind durchaus zu finden in dem Generationen Manifest.

Man muss nicht einverstanden sein, aber eine kritische Auseinandersetzung mit dem Inhalt ist vielleicht ein Anfang

Hier dazu ein offener Brief des Jugendrates der Generationen Stiftung.

Eure Zeit läuft ab. Doch warum versengt Ihr uns die Erde?

Offener Brief des Jugendrats der Generationen Stiftung

Ist es Ihnen bereits aufgefallen? Nicht nur in Deutschland, auch weltweit scheint etwas politisch in Bewegung geraten zu sein. Junge Menschen stehen auf – um für ihre Zukunft zu protestieren. Sie tun es laut, sie tun es energiegeladen, sie tun es ernsthaft. Und plötzlich gibt es dafür ausgerechnet Zuspruch von denjenigen, gegen die sie aus vielerlei Gründen protestieren. Sind wir etwa Zeugen eines zaghaft beginnenden Schuldeingeständnisses einer Politik, die über Jahrzehnte hinweg nicht generationengerecht gehandelt hat – solange die Folgen zwar schon absehbar, aber noch nicht am eigenen Leib – wie z.B. in der Hitze des Dürresommers 2018 spürbar waren?

Nun sagen die Politiker*innen, sie würden dieses neue Engagement der Klimaaktivist*innen um Greta Thunberg, um die klimastreikenden Schüler*innen („Fridays for Future”) wertschätzen. Es sei schließlich wichtig, der Politik Impulse zu geben. Ausgerechnet eine Angela Merkel findet das, obwohl gerade sie die schweren Unterlassungen der deutschen Klimapolitik der letzten Jahre verantwortet. Sie verantwortet als Regierungschefin das Auseinanderdriften von Arm und Reich, Waffenexporte an Despoten und eine Dieselaffäre, die Betrüger schützt und unschuldige Bürger*innen schädigt.

Wir, die junge Generation, wollen keine warmen Worte von Vertreter*innen einer Politik und Generation, die so egoistisch wie keine andere mit unseren Ressourcen umgegangen ist. Unser Protest ist keine Stimmung, der man sich schnell anschließen kann, um Koalitionsoptionen für die nächste Wahl zu sichern. Überall brennt es lichterloh. Und gerade deshalb brennen wir voller Leidenschaft – schließlich geht es um unsere Zukunft. WIR – das sind wir Jungen, die erstmal erwachsen werden und etwas leisten sollen, bevor wir laut werden. Doch läuft uns die Zeit dafür ab, denn längst treiben wir mit einem Geisterschiff auf dem offenen Meer, während alle Kapitän*innen längst von Bord gegangen scheinen. Also übernehmen wir die Ruder und das Steuer. Unser Kurs lautet nicht nur Klimaschutz. Er lautet: Neue Welt.

Denn, ja: Wir wollen viel mehr als den Kohleausstieg. Die junge Klimaschutzbewegung ist nur der Anfang. Denn auch für die jungen Aktivist*innen der weltweiten „Fridays for Future”-Bewegung, die der Jugendrat der Generationen Stiftung ausdrücklich unterstützt, beinhaltet die Bewegung der Jungen viel mehr. Denn, ja: wir wollen eine andere Welt. Wir fordern nicht nur Klimaschutz – wir fordern Menschen- und sogar Weltschutz. Ein Gesamtpaket, das wir für unser Überleben dringend brauchen. Wir werden Euch dafür haftbar machen, wenn ihr uns unsere Zukunft weiter zerstört und nicht alles dafür tut, sofort einen radikalen Kurswechsel mit uns und für uns einzuleiten. Machen wir uns nichts vor: Es geht um unsere Existenz. Das Spiel, das ihr spielt, ist lebensgefährlich. Eure Halbherzigkeit ist lebensgefährlich. Das können Sie sich nicht vorstellen? Wir machen ein paar Vorschläge.

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I. Klima

Ihr wollt erst 2038 aus der Kohle komplett ausgestiegen sein. Natürlich ist das viel zu spät. Es reicht nicht, um eigens gesteckte Klimaziele zu erreichen. Es reicht nicht, zu verhindern, dass wir nicht weiter rasend schnell in Richtung Abgrund schlittern. Unser aktuelles Handeln und unsere aktuelle Wirtschaft sind nicht grün und werden es auch nicht einfach so werden. Wir wollen höher, schneller, weiter. Das frisst mehr Ressourcen. Mit diesem Ressourcenraub machen wir längst Menschen kaputt, die zum Glück weit genug weg sind, als dass wir Angst vor den Folgen unseres eigenen Handelns bekommen müssten. Wir zerstören die Umwelt, ohne dass wir irgendwelche Warnzeichen sehen. Und jetzt machen unsere Gier und unser Hunger nach Mehr uns alle zum Teil eines Experiments, dessen Ausgang mit Sicherheit tödlich sein wird. Wie krankhaft ist dieses System? Der Jugendrat diagnostiziert – basierend auf Informationen internationaler Wissenschaftler*innen und Expert*innen: pathologisch!

Frau Merkel, hatten sie je vor das Pariser Klimaschutzabkommen einzuhalten? Anstelle von Sofortmaßnahmen konnten wir 2 Jahre Stillstand beobachten und mussten uns dann anhören, dass die Ziele „aus heutiger Sicht” nicht mehr zu erreichen sind. Das kann man sich nicht ausdenken. Man stelle sich vor, dass alle Bürger*innen alle Verträge so einfach brechen könnten – würde dann die öffentliche Ordnung nicht umgehend zusammenbrechen? Wir verachten diese Halbherzigkeit und Beliebigkeit, wenn es um unsere Zukunft – und die unserer Kinder – geht.

Die Folgen des Klimawandels werden seit Jahren immer dramatischer. Schon jetzt ist klar, wie massiv unser Leben auch hier in der westlichen Welt dadurch beeinflusst wird: Die Wetterextreme werden weltweit und auch hier Menschenleben kosten, Menschen ins Elend stürzen und Millionen oder Milliarden Menschen zu einer lebensgefährlichen Flucht zwingen. Was ihr bis jetzt erfolgreich verdrängt, wird für uns ein Schlag ins Gesicht sein und unser Leben bestimmen. Wieso wagt ihr es, die Folgen eures Handelns uns aufzubürden, die ihr selbst in diese Welt gesetzt habt?

Wir erwarten, dass ihr schnell und entschlossen auf unsere Anklage reagiert und uns einen nationalen und internationalen Klimaschutzplan präsentiert. Dreckige Industrie muss teuer werden, Flugbenzin darf nicht länger subventioniert werden, Autos müssen sofort nach ihrem Ausstoß besteuert werden und wir müssen deutlich schneller raus aus der Kohle, als ihr das bislang plant. Denn, ob ihr es glaubt oder nicht: Wenn ihr unser Leben und unsere Zukunft gefährdet, gefährdet ihr auch euren Wohlstand – und der ist euch doch alles entscheidend, oder?

II. Wirtschaft und Kapitalismus

Die Klimakrise ist ein Symptom eines Systems, mit dem wir langfristig uns selbst und unsere Umgebung schon jetzt nachhaltig zerstören. Auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen kann kein immerwährender Wachstum stattfinden. Entweder hören wir endlich auf, in dieser Fantasie zu leben – oder wir hoffen, dass unser letzter großer Deal den völligen Kollaps wert ist. Wenn ihr unter euch seid, wie in Davos, dann sprecht ihr über die Gefahren des Kapitalismus und sagt, es könne so nicht weitergehen. Und wenn ihr dann zu Hause seid, macht ihr weiter wie bisher. Nicht mit uns! Der Kapitalismus frisst nicht nur unsere Ressourcen, sondern auch uns.

Wir lassen Milliarden Menschen arbeiten, um Profit zu erwirtschaften, als würde dieser uns Glück und Freiheit verschaffen. Was wir dadurch erzeugen, sind Armut, soziale Ungleichheit und Gewalt. Wir brauchen keine Menschen, die für Kapitalertrag arbeiten. Wir brauchen eine Wirtschaft, die

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Menschen dient, anstatt sie zu versklaven. Wir brauchen kein ständiges Mehr an Angebot, bis wir im Konsum ersticken. Wir müssen lernen zu verzichten – nicht freiwillig, sondern verpflichtend. Wir müssen frei werden vom Diktat des ständigen Wirtschaftswachstums und des Konsums, diesem vermeintlichen Glücksindikator.

Die Politik muss sich endlich ihrer Rolle als Vollstreckerin von betrügerischem Wirtschaftshandeln entledigen. Warum schützt ihr die Betrüger*innen auf Kosten der Ehrlichen? Vertretet bitteschön, nein: gefälligst! die Interessen derer, die euch gewählt haben. Wenn ihr den moralischen Kompass verliert, wie beispielsweise im Geschehen um den Diesel-Skandal, geht das Vertrauen in euch endgültig verloren. Dann gefährdet ihr mit eurem Handeln die Demokratie, die ihr vorgebt schützen zu wollen. Also, worauf wartet ihr? Zieht endlich die zur Verantwortung, die verantwortlich sind.

Schluss mit Spekulationsgeschäften, die immer nur so lange funktionieren, bis die nächste Blase platzt. Schluss mit dem Handel mit der Existenz von Menschen. Niemandem steht es zu, mit Wasser, Boden, Mobilität oder Bildung zu handeln. Niemand darf sich die Freiheit von Menschen bezahlen lassen und mit Unfreiheit anderer den eigenen Profit maximieren. Wer sind wir, dass wir einem System hörig sind, das für diese Dinge einen florierenden Markt erschaffen hat? Wir sagen „Stop” zu Überproduktion und Wegwerf-Mentalität. Es ist Zeit, endlich im Sinne der 99 Prozent unserer Gesellschaft zu handeln und von dem obersten einen Prozent die Wahrnehmung seiner Verantwortung für die einzufordern, auf deren Rücken Wohlstand erwirtschaftet wurde und gelebt wird. Die Umverteilung von unten nach oben muss gestoppt werden, um den sozialen Frieden zu gewährleisten. Das ewige Totschlagargument der Arbeitsplatzsicherung darf niemals die für das Gemeinwohl richtige Politik verhindern. Es ist an euch, Lösungen zu finden, die allen gerecht werden.

Es ist Zeit für Solidarität. Dürfen wir immer reicher werden, wenn wir andere damit immer ärmer machen? Es ist Zeit, den großen Deal für ALLE abzuschließen – auch, wenn wir selbst dabei zurückstecken müssen. Niemals mehr dürfen die von Top-Managern kühl kalkulierten Risiken für die Allgemeinheit privaten Gewinnerwartungen unterworfen werden. Das Verursacherprinzip ist eine gerechte Politik des gesunden Menschenverstands. Was das konkret bedeutet? Wir fordern, dass nur noch Materialien verwendet werden, die innerhalb einer Generation komplett abbaubar oder wiederverwendbar sind. Dafür braucht es eine Revolution? Gut, packen wir’s an. Es gilt Motto der Brundlandtkommission: Hier nicht auf Kosten von anderswo, heute nicht auf Kosten von morgen.

III. Digitalisierung

Die Digitalisierung kann Fluch und Segen sein. Die unregulierte Digitalisierung ist ganz sicher Fluch und kann unseren Untergang noch in diesem Jahrhundert bedeuten. Wie blind seid ihr? Oder wollt ihr es sein? Roboter werden vermutlich schon in 20 Jahren ganz normal unter uns und wie auch immer mit uns leben – doch wir haben noch nicht die leiseste Vorstellung, wie das aussehen kann und soll. Wir erleben, wie in China eine digitale Diktatur jede menschliche Freiheit unterdrückt und wissen, dass Künstliche Intelligenz uns als Gattung jederzeit ernsthaft gefährden könnte. Klingt zu dramatisch? Es ist dramatisch und gehört dementsprechend behandelt!

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Es liegt in unserer Verantwortung, die Digitalisierung nicht für die noch günstigere Erwirtschaftung von Profit zu nutzen, dabei aber Millionen für die klassische Wirtschaft überflüssig gewordener Menschen in den freien Fall zu entlassen.

Wir können Millionen von Arbeitsplätzen ersetzen – aber nicht, ohne auch über die Folgen für das Konzept Lohnarbeit zu diskutieren. Die Digitalisierung kann eine Chance sein, unsere Vorstellung von Arbeit und Wertschöpfung zu revolutionieren. Sie ist die Chance, finanzielle Sicherheit und Wohlstand nicht mehr an Arbeitsstunden zu koppeln, sondern darüber hinaus zu denken. Wir müssen neu definieren, was Arbeit ist, welche Arbeit welche Wertschätzung verdient und wie durch Mittel der Digitalisierung erwirtschaftete Erträge der Gesamtgesellschaft zugute kommen.

Die Digitalisierung kann uns die Chance geben, unsere globale Produktion an die tatsächlichen Bedürfnisse und die zur Verfügung stehenden Ressourcen anzupassen. Sie ermöglicht, Überproduktion und Verschwendung zu beenden und dennoch nicht vor leeren Regalen zu stehen. Wir können das Angebot vom brutalen Wettbewerb entkoppeln und die Wirtschaft in den Dienst der Bedürfnisbefriedigung aller Menschen stellen.

IV. Arbeit

Wollen wir mal ehrlich sein? Die Digitalisierung wird einen rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit mit sich bringen. Die Agentur für Arbeit listet Hunderte Berufe auf, die schnell zu ersetzen sind. Es ist nur allzu verständlich, wenn die Abgehängten dann ihre Wut gegen euch und auch uns als Gesellschaft richten. Wir fordern deshalb, dass ihr dafür sorgt, dass es erst gar keine Abgehängten geben wird.

Reden wir deshalb über unsere Vorstellung von Arbeit – schließlich sind wir es, die noch rund 45, oder, euren aktuellen Ideen nach, gerne auch 55 oder 65 Jahre lang Arbeit vor sich haben. Warum hängt unser sozialer Status davon ab, wie hart oder viel wir arbeiten? Warum muss unsere Existenz von einem Stundenlohn abhängig sein? Können wir die Existenz aller nicht auch soweit bedingungslos absichern, dass Arbeit nicht Teil einer Existenzfrage ist, sondern einer Sinnfrage? Wir müssen alternative Formen der sozialen Sicherung diskutieren. Sind Care-Arbeit und Engagement für das Gemeinwohl nur deshalb keine Arbeit, weil sie nicht bezahlt werden? Sind sie deshalb weniger wertvoll für unsere Gesellschaft – und wenn nicht, warum ist diese Arbeit uns dann nichts wert?

Unsere Gesellschaft ist erst dann frei, wenn wir nicht mehr getrieben sind. Getrieben werden! Nicht getrieben von befristeten Verträgen, von nicht existenzsichernden Löhnen, von einer Ellbogen-Mentalität, psychischem Druck und von einem Arbeitsmarkt, auf dem wir möglichst verwertbar sein müssen.

V. Rente und Wohlstand

Getrieben zu sein, kann auch bedeuten, ein Leben lang gegen seine einfach im Voraus zu berechnende Altersarmut anzukämpfen – und am Ende dennoch zu verlieren. Wie kann es sein, dass unser politisches System Menschen – die das System finanzierenden Bürger*innen – welche ihr Leben lang gearbeitet haben, im Alter in Sorgen und Nöten zurücklassen? Rente muss mehr können als das Existenzminimum zu erreichen. Es ist schön, dass ihr etwas dafür tun wollt. Aber

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warum schreibt ihr Menschen vor, wie viele Jahre sie gearbeitet haben müssen, um Wertschätzung verdient zu haben? Warum erhöht ihr die Rente nicht erst für die, die sie am Dringendsten brauchen?


Insgesamt dreht ihr Stellschrauben in einem kaputten System. Unser bestehendes System ist nicht demografiefähig. Wie sollen wir als junge Menschen es schaffen, drei- oder viermal so viele Alte zu finanzieren? Und weil wir das nicht schaffen werden: Wie wollt ihr den Menschen vermitteln, dass ihre Rente in Zukunft nicht einmal mehr ihre Existenz sichern wird? Hört auf, mit breitem Lächeln vermeintliche Zukunftskonzepte mit Ablaufdatum 2035 zu präsentieren. Denkt darüber hinaus! Wir wollen niemandem etwas wegnehmen. Aber wir finden, dass wir ehrlich sein müssen. Das Umlageverfahren wird in Zukunft nicht funktionieren und es ist keine Option, auch die Altersvorsorge immer weiter zu privatisieren. Ein gutes Leben im Alter ist nichts, was man sich leisten können muss – es ist das Mindeste, was eine Gesellschaft zurückgeben kann. Schluss mit einem Gießkannenprinzip, damit die Rente endlich denen vor allem zugute kommt, die sie am dringendsten brauchen. Ihr habt oder seid doch die Expert*innen – nutzt sie, helft uns mit eurer Expertise!

VI. Bildung

Wir müssen unseren Fokus verschieben – auch und vor allem im Bildungssystem. Es heißt, die Jugend sei das Fundament der Gesellschaft von morgen. Damit formt das Bildungssystem auch die morgige Gesellschaft. Kommt endlich weg von einem System des vorletzten Jahrhunderts, das auf Autorität anstatt auf Kooperation setzt. Ermöglicht uns Partizipation und Inklusion. Wir brauchen Raum und Zeit für unsere Persönlichkeitsentwicklung und unsere individuellen Bildungswege. Wollt ihr nicht auch morgen eine Gesellschaft sein, die einander trägt, akzeptiert und unterstützt?

Als die Lehrpläne das letzte Mal überprüft wurden, gab es noch keine Computer. Unsere Welt war eine andere. In unserer heutigen, beschleunigten Welt ist es längst überfällig, endlich mal eine Antwort darauf zu finden, welche die konkreten Ziele unserer Bildung sein sollen. Aktuell verbringen wir Jahre damit, Faktenwissen zu schlucken, Faktenwissen, das jedes Handy und jeder Computer schneller, lückenloser und detaillierter als wir es jemals können werden, ausspucken kann. Darüber hinaus geht es fast nie. Kritisches Denken, Teamarbeit und Kreativität? Fehlanzeige. Ihr lasst uns Dinge lernen, in denen wir gegen mittlerweile allgegenwärtige Maschinen immer nur verlieren können. Und für alles andere, was uns ausmacht, und das wir nicht maschinell ersetzen können, bleibt dann keine Zeit. Bestenfalls werden kritisches Denken, Teamarbeit und Kreativität im Bildungssystem nicht gefördert, schlimmstenfalls brutal unterdrückt.

Bildung darf nicht länger eine Frage der sozialen Herkunft sein. Wir müssen weg von festen Fächern und Stundenplänen und hin zu flexiblen, partizipativen Strukturen. Wir brauchen Raum für kritisches Denken, Teamarbeit, Kreativität. Wir wollen politische Bildung und wirkliche Entscheidungsmacht in der Schule. Auf dieser Grundlage können junge Menschen in unserer Gesellschaft viel früher Verantwortung übernehmen. Aber dafür müsst ihr uns endlich ernst nehmen. Gerade politisieren und ermächtigen sich Zehntausende junge Menschen. Das sollte Beweis genug sein, dass ihr unsere Anliegen endlich wahrnehmen müsst. Und dieser Offene Brief des Jugendrats ist gerade mal die erste Anklage, die wir nicht müde werden, euch zu präsentieren.

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VII. Demokratie

Es ist Zeit, dass wir Demokratie neu und anders denken. Wir sagen, dass alle Staatsgewalt vom Volke ausgehen soll. Doch damit meinen wir eine rein formalisierte Legitimationskette der politischen Entscheidungen, die auf eine Wahlentscheidung zurückzuführen ist. Jedoch muss Demokratie partizipativ sein und der*dem Einzelnen Verantwortung geben. Wir alle sind Fundament unserer Gemeinschaft.

Wir müssen mehr über Selbstverwaltung und Vergesellschaftung reden. Nur, wer wirklich mitentscheiden kann, schätzt die Gemeinschaft. Die Rückkopplung politischer Vertreter*innen an ihre Wähler*innen muss intensiver werden.

Junge Menschen verdienen viel früher eine Stimme, damit Zukunftsthemen endlich die Berücksichtigung finden, die sie verdienen. Alle jungen Menschen sollten auf ihre Initiative hin – unabhängig von festen Altersgrenzen – eine Stimme bei Wahlen bekommen.

VIII. Weltparlament und Kooperation

Die Klimakrise führt uns ein weiteres Mal vor Augen: Die Probleme der Gegenwart und Zukunft lassen sich längst nicht mehr auf nationaler Ebene lösen. Wir brauchen globale Lösungsansätze. Das bedeutet: all unsere Belange müssen Teil einer Weltinnenpolitik sein. Im globalen Dialog müssen endlich alle Parteien gleichberechtigt gehört werden. Wichtige Entscheidungen dürfen nicht länger bei G7- oder G20-Gipfeln getroffen werden. So werden sie am Maßstab von Wachstum und Wohlstand weniger getroffen. Politische Entscheidungskraft kann in einer solidarischen Weltgemeinschaft nicht abhängig sein von wirtschaftlicher Potenz. Schließlich gehen die bisherigen Lösungsansätze vor allem zulasten derer, die dann nicht mitsprechen dürfen. Wir brauchen langfristig ein demokratisches Weltparlament, das entscheidet, wie Probleme global und auf Augenhöhe miteinander gelöst werden können. Ziele müssen das Ende von Hunger und Armut, eine globale, wirkliche Umverteilung und Wohlstand für alle sein. Große Unternehmen dürfen sich nicht länger ihrer gesellschaftlichen Verantwortung entziehen. Es braucht weltweite Maßstäbe für Lohn, Produktion und Konsum. Damit können wir beginnen: indem wir solche Dinge auf europäischer Ebene gemeinsam radikal umsetzen. Frau Merkel, dafür müssen Sie die ersten Schritte machen.

IX. Frieden

Um wirklichen Dialog und ein friedliches Miteinander zu ermöglichen, braucht es Frieden. Wir verlangen, dass Deutschland ab sofort keine Waffen mehr in und an Kriegsgebiete und Kriegführende verkauft. Schluss mit einem mörderischen „War on Terror” und allen wirtschaftlich motivierten Kriegen. Ja, das hat seinen Preis und ja, das kostet Arbeitsplätze. Aber dafür müsst ihr Lösungen schaffen. Nichts rechtfertigt den Handel mit dem Tod von Menschen. Wir sind bereit, unseren Teil der Kosten zu tragen.

Wir können die Heuchelei nicht mehr ertragen, mit denen die Verantwortlichen das unbeschreibliche Leid in Syrien beklagen, während sie die nächste Fuhre todbringender Waffen losschicken. Das wollen und können wir nicht mitverantworten. Das gilt auch für eine noch weitere Absenkung der Exportbeschränkungen durch Verbundgeschäfte mit Großbritannien und Frankreich. Wir sagen STOP. Sofort.

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Gewalt erzeugt seit Jahrhunderten Gegengewalt. Angst und Feindschaft vergiften den Boden, aus dem wirkliche Veränderung erwachsen könnte. Wir werden alles daran setzen, Humanität und Ethik zum Maßstab unseres und eures Handelns zu machen.

X. No Border

Wir müssen wieder offener werden – als Individuen und als Gesellschaft. Wir können nicht weiter zulassen, dass Menschen für ihren Wunsch nach Freiheit womöglich mit dem Leben bezahlen müssen. Unsere Gesellschaft muss offen sein für alle. Das Streben nach Freiheit muss ein Menschenrecht sein – und somit auch die Freiheit, einen Ort zum Leben zu suchen, der nicht von Angst, Diskriminierung und Verfolgung geprägt ist. Wir wollen ein Ende der Abschottung. In unserer Gesellschaft ist Platz für alle. Das Recht auf Leben und Persönlichkeitsentfaltung ist keines, das erst verdient oder erkauft werden muss. Es muss selbstverständlich sein.

Wir klagen euch an. Und gleichzeitig flehen wir euch an. Wir handeln in einer Notwehrsituation und können eure hohlen Reden nicht weiter hinnehmen. Wir wollen eine Debatte anstoßen, die euch und uns zwingt, alles in Bewegung zu setzen, um noch vor dem Abgrund zum Stehen zu kommen. Wir wollen das Geisterschiff unserer Politik wieder zum Leben erwecken. Noch seid ihr die Kapitän*innen. Helft uns und nehmt endlich wieder Fahrt und Kurs auf.

Wir sind an einem Punkt, an dem wir den Respekt vor eurer Stellung, euren halbherzigen Worten und eurem verantwortungslosen Handeln verlieren. Wir wollen ein wirkliches Gemeinwohl – und sind bereit, dafür voranzugehen. Wir werden euch nicht aus der Verantwortung lassen, bis ihr endlich Verantwortung übernehmen werdet. Also los.

Franziska Heinisch und der Jugendrat der Generationen Stiftung im Namen der Neuen Generation

Vielleicht doch Zeit, wach zu werden

Francoise Grimal