Mesut’s Durchbruch – Rückblick auf den Beginn einer großen Karriere

Über den ehemaligen deutschen Fußballnationalspieler Mesut Özil ist in den letzten Wochen einen Menge geschrieben und gestritten worden – über sein umstrittenes Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan, über die Kritik an diesem Foto, die in vielen Äußerungen rassistisch war, über die fehlende Rückendeckung des Deutschen Fußball Bundes (DFB) für ihn, über seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft, den er mit Rassismus-Vorwürfen an den DFB unterlegte, über die Kritik an diesem Vorwurf, über die Solidarisierung mit ihm …

Ich möchte hier keinen weiteren Beitrag zu dieser ausufernden Debatte leisten, sondern auf die Anfänge der internationalen Karriere von Özil zurückblicken, die ich bei der U21-Europameisterschaft in Schweden im Sommer 2009 aus nächster Nähe verfolgen konnte. Eines der eindrucksvollsten Erlebnisse dieses Turniers war für mich, wie Özil nach dem Finalsieg der deutschen Mannschaft von einer großen Gruppe türkischstämmiger junger Schweden gefeiert wurde.  Schon damals war Özil auf dem Weg, zur Identifikationsfigur von türkischstämmigen Menschen in ganz West- und Nordeuropa zu werden – eine Rolle, die seitdem beständig angewachsen ist. Das sollte man in dieser ganzen Debatte nicht vergessen.

Hier mein Bericht aus der Taz vom 30.06.2009. Das Foto habe ich nach dem Finalsieg gemacht.

Von der Leine gelassen

Mesut Özil hat im EM-Finale der U21-Mannschaften endlich das Spiel vor sich und führt die deutsche Auswahl zu einem überlegenen 4:0-Erfolg gegen England.

 

Ganz zum Schluss kam doch noch richtige Turnierstimmung auf. Das erste Mal spielten Deutschlands Fußballjunioren während der Europameisterschaft vor ausverkauftem Haus und Mitte der ersten Halbzeit setzte sich endlich auch die Stadionfigur in Bewegung, ohne die ein Finale ja gar kein richtiges Finale ist: eine La Ola. Zur leidenschaftlichsten Szene des gesamten Turniers kam es allerdings erst, als die neuen Europameister schon im Bus saßen und die Polizei Schwierigkeiten hatte, den Weg frei zu bekommen. 30 türkischstämmige Jugendliche aus Malmö tanzten wild vor dem Stadiontor, sprangen in die Luft, klatschten in die Hände. „Mesut, Mesut“, riefen sie, um anschließend auch die Mitspieler ihres Idols in den Jubel einzubeziehen: „Deutschland, Deutschland“.

Mit ihren Lobeshymnen waren die Fans nicht allein. Ob Englands Coach Stuart Pearce oder Deutschlands A-Trainer Jogi Löw – alle lobten den Bremer Mittelfeldspieler. Als Horst Hrubesch den Man of the Match kurz vor Schluss vom Platz nahm, bescherte er ihm als erstem deutschen Spieler des Turniers Standing Ovations. „Ich habe mit Bremen schon den Pokal gewonnen, aber das hier ist eine Europameisterschaft“, sagte Özil nach dem Duschen. „Ich glaube, ich habe das heute ganz gut hinbekommen.“ Hat er – nicht nur wegen der beiden Torvorlagen für Gonzalo Castro und Sandro Wagner und des selbst erzielten Treffers. Fast an jeder gefährlichen Aktion war er beteiligt.

Dabei sprach nach dem Turnierverlauf wenig für eine Leistungsexplosion. Özil war nach einem starken Eröffnungsspiel gegen Spanien von Spiel zu Spiel mehr verkrampft. Zwar behauptete er immer wieder brav, sich auch im Angriff wohl zu fühlen, wo sein Trainer ihn mangels Alternativen aufstellte – aber der gesenkte Kopf sprach oft eine andere Sprache. „Es ist klar, dass ich mich im Mittelfeld wohler fühle“, gab Özil nun zu. Im Nachhinein entpuppte sich die Sperre für Ashkan Dejagah als Glücksfall. Mit Sandro Wagner bot Horst Hrubesch endlich einen Stoßstürmer auf und setzte Özil im neuen 4-1-4-1-System im linken Mittelfeld ein. Der Bremer agierte wie befreit.

Es bleibt dennoch das Geheimnis von Horst Hrubesch, den Torwart Manuel Neuer als „unseren Freund“ bezeichnete, warum er seinen kreativsten Spieler erst im letzen Spiel von der Leine ließ. Neben der Nominierung des zweifachen Torschützen Sandro Wagner erwies sich auch die Aufstellung des kopfballstarken Mats Hummels im defensiven Mittelfeld als Glücksgriff. Führungsspieler Höwedes selbst redete bei der taktischen Neuausrichtung mit. Schon gegen Finnland hatte er kurz vor Schluss die Einwechslung Wagners bewirkt.

Und was für Mesut Özil gut ist, weiß eben immer noch niemand so gut wie seine ehemaligen Schalker Mannschaftskameraden, in deren Kreis sich der Bremer in Schweden auch außerhalb des Platzes sichtlich wohl fühlte. Mit Özil, Höwedes und Sebastian Boenisch standen drei Spieler auf dem Platz, die 2006 gemeinsam für Schalke 04 die deutsche A-Jugendmeisterschaft geholt haben.

Besondere Freude wird Özils Leistung in Bremen ausgelöst haben. Hier wartet nach dem Abgang von Diego große Verantwortung auf den 20-Jährigen. Immerhin kann er seinem Trainer Thomas Schaaf eine neue Schusstechnik präsentieren, die nicht mal der entschwundene Brasilianer beherrscht: den gezielten Flatterball. „Das haben wir im Training geübt“, sagte Özil zu einem Freistoßtreffer aus 30 Metern. „Ich habe einfach draufgeschossen, der Ball hat geflattert und war drin.

Im Original kann der Text hier nachgelesen werden: https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5160592&s=ralf%2Blorenzen/

Ebenfalls interessant