Migration in meiner Familie

Von Eva Hasenclever. Als Schülerin hat sich Eva Hasenclever in einer Arbeit mit der Geschichte ihrer Familie beschäftigt, in der sich deutsche und französische Vorfahren treffen. „Was sind die Beweggründe für einen Menschen, sein Heimatland zu verlassen, wenn er nicht dazu gezwungen wird?“, fragt sie sich am Anfang ihrer Recherchen und kommt am Ende zu dem Schluss, „dass es oft nötig ist, die Lebensgeschichte eines Menschen zu kennen, um überhaupt zu verstehen zu können, warum dieser tut, was er tut, oder denkt, was er denkt.“ Wir veröffentlichen diese Arbeit im Rahmen unserer biografischen Erzählungen – die von der Mutter der Autorin, Francoise Grimal, demnächst fortgesetzt wird.

Da meine Mutter ursprünglich aus Frankreich stammt und mein Vater aus Deutschland, habe ich mich entschieden, mich in meiner Arbeit mit der Migration innerhalb meiner Familie zu beschäftigen. So habe ich die Möglichkeit zu erfahren, wie es dazu kam, dass sich meine Eltern in Deutschland trafen, was ja im Endeffekt dazu geführt hat, dass ich auf die Welt kam. Diese ist bestimmt eine wichtige Sache, die zur Entwicklung meiner eigenen Person sehr viel beisteuern kann. Außerdem hat es ein starkes Interesse bei mir geweckt, und wenn ich it starkem Interesse an Arbeit gehe, weiß ich aus Erfahrung, dass ich sehr viel Mühe und Kraft darauf verwende, diese Arbeit gut zu erledigen.

Ich möchte bei dieser Arbeit jedoch versuchen, möglichst keine zwischenmenschlichen Probleme zwischen einigen Familienmitgliedern auszubreiten und zu präsentieren. Ich denke nicht, dass so etwas in eine Schularbeit gehört. Ich denke aber doch erwähnen zu müssen, dass ich mich bei der Biografie meiner Großväter und meiner Urgroßeltern hauptsächlich auf Berichterstattungen einzelner Familienmitglieder stützen muss und es somit passieren kann, dass einige Dinge durch persönliche Streitereien oder Antipathien verfälscht dargestellt sein könnten. Ich werde mich jedoch bemühen, die Geschichten so wahrheitsgetreu wie nur möglich darzustellen

Ich möchte mich während der Entstehung der Arbeit auch fragen, wie ich es empfunden habe, aus einer Familie zu kommen, in der ein Elternteil aus einem anderen Land kommt. Dies könnte sehr interessant für mich werden, da ich in meiner Umgebung (St. Georg/Hamburg) aufgewachsen bin, in der fast immer Familien, bei den beide Elternteile aus Deutschland stammen, eher selten waren.

Die Beschäftigung mit all den Fragen, die sich einem automatisch bei dem Versuch, seine eigene Familiengeschichte nachzuvollziehen, stellen, könnte bedeuten, dass man sich mit Dingen beschäftigt, denen man sonst nicht viel Beachtung geschenkt hat, da man sie für unwichtig hielt. Diese Dinge könnten jedoch ein wichtiger Beitrag zur eigenen Entwicklung sein.

Der Aufbau der Arbeit

 Ich möchte bei meiner Arbeit, die Migrationen meiner Familie auf deutscher, wie auch auf französischer Seite darzustellen. Dann werde ich versuchen zu erläutern, warum ich mich bei meiner Arbeit speziell auf die Migration meiner Mutter konzentrieren werde. Dabei werde ich auf Beweggründe für die Auswanderung nach Deutschland bzw. später dann nach Hamburg eingehen. Auch, finde ich, sind die Meinung ihrer Eltern dazu und deren Reaktion darauf ein wichtiger Aspekt. Zum Schluss möchte ich dann noch darstellen, wie sich meine Mutter in Deutschland eingelebt hat und welches für sie die wesentlichen Unterschiede zwischen ihrem Geburtstagsland Frankreich und ihrer Wahlheimat Deutschland sind. Den Teil über meine Mutter werde ich höchstwahrscheinlich in einen fließenden Text zusammenfassen. Zum Abschluss der gesamten Arbeit möchte ich noch, rückblickend auf die gesamte Arbeit, versuche zu erfassen, was mir die Beschäftigung mit dem Thema gebracht hat.

Wie ich vorgehen möchte 

Ich möchte bei meiner Arbeit nicht weiter zurückgehen als bis zu meinen Großeltern, da es zu schwer sein würde, genügend Informationen über noch ältere Verwandte zu bekommen. Dass heißt, dass ich die Informationen über die Personen, um die es in meiner Arbeit gehen wird, entweder von den Personen selber bekomme, oder, sofern sie schon verstorben sind, von noch lebenden Verwandten. Ich werde mich mit meinen Großmüttern, meinen Eltern und eventuell mit deren Geschwistern unterhalten. Auch werde ich versuchen im Internet nach dem „Hasenclever-Archiv“ in Remscheid zu suchen, womit ich aber wohl wenig Erfolg haben werde, da sich der Verein schon vor einiger Zeit aufgelöst hat.

Auf der anderen Seite werde ich mich über die geschichtlichen Hintergründe informieren um die Erzählungen meiner Verwandten besser einordnen, verstehen und darstellen zu können.

Familie Hasenclever

 Mein Großvater Fritz Friedrich Wilhelm Hasenclever ist am 17.07.1921 als erster von drei Kindern in Westfahlen geboren. Seine Eltern stammten beide aus Westfahlen. Sein Vater war Marine Offizier und laut meiner Großmutter war er das auch mit Leib und Seele. Seine Mutter war Hausfrau. Nachdem Fritz die mittlere Reife erlangt hatte, begann er eine Lehre als Banker. Diese brach er jedoch 1939 ab, um zur Wehrmacht zu gehen, bei der er bis zum Kriegsende blieb. Er kam in Kriegsgefangenschaft, aus welcher er dann nach Lübeck entlassen wurde. Dort lernte er bei einem Essen auf einem Dampfer Gertraud Wollburg kennen.

Gertaud Wollburg kam am 11.01. 1926, als dritte von vier Kindern, in Küstrin zur Welt. Küstrin ist eine Stadt an der Oder, die zur damaligen Zeit zur Mark Brandenburg gehörte.

Ihr Vater stammte aus Fürstenfelde und war Kernformenmeister. Ihre Mutter stammte aus Küstrin und war Hausfrau. Gertraud H. erinnert sich gern an die Zeit in Küstrin: „Wir hatten eine wirklich schöne Kindheit. Küstrin ist eine schöne Stadt gewesen und wir hatten keinen Grund zu klagen“. Sie erhielt die mittlere Reife und ging direkt nach ihrem Schulabschluss in den Arbeitsdienst.

Sie arbeitete zuerst in der Landwirtschaft und später in einer Munitionsfabrik. Als ich sie fragte, wie sie den Krieg erlebt hatte, sagte sie, dass sie nie wirklich davon etwas gespürt habe. Man wurde eben nicht informiert über das, was wirklich geschah und man fragte auch nicht nach. Man wusste zwar, dass es Orte wie Auschwitz gab, dachte aber, es wären einfache Gefängnisse oder Ähnliches. Ein Erlebnis war ihr noch in Erinnerung geblieben. Sie erzählte, dass ihr Vater, der Sozialdemokrat war, manchmal, wenn er zu viel Alkohol getrunken hatte, anfing über Hitler und die Regierung zu schimpfen. Ihre Mutter begann dann sofort die Fenster zu schließen, aus Angst, jemand könnte es hören. Sie bekam also schon mit, dass es sehr gefährlich war, seine Meinung zu äußern. Das erste Mal, dass sie wirklich spürte, dass Krieg herrschte, war, als er schon vorbei war. Als die Russen einmarschierten, wurde sie Hals über Kopf mit einem LKW aus dem Spreewald, wo sie gerade mit der Arbeitsgruppe tätig war, weggebracht. Sie wußte nicht, wohin es geht, aber auf dem Weg dorthin überholten sie einen Laster mit Konzentrationslager- Häftlingen. Das war das erste Mal, dass sie erahnen konnte, was dieser Krieg alles angerichtet hatte.

Gertraud wurde nach Lübeck gebracht. Ihre Mutter verließ Küstrin, mit den drei Geschwistern und der Großmutter, mit der Reichsbahn. Sie fuhren nach Brandenburg, wo die Mutter mit den beiden Brüdern bei Freunden unterkam. Gertrauds Schwester Lisa und ihre Großmutter gingen nach Schleswig, weil der Großvater dort war. Gertrauds Vater fand seine Frau nach seiner Kriegsgefangenschaft durch das rote Kreuz wieder. Gertraud lernte in Lübeck Fritz Friedrich Wilhelm Hasenclever kennen und heiratete ihn am 05.06.1947. Sie arbeitete als Kindergärtnerin und Fritz war Vertreter für Bürobedarf. Die beiden bekamen zwei Kinder: Volker (1947) und Claudia (1948).

1962 beschlossen Fritz und Gertraud, ein Haus in Reinbek/Hamburg zu bauen, da der größte Teil der Kundschaft von Fritz da war. Gertraud hörte als Kindergärtnerin auf und half ihrem Mann im eigenen Geschäft. Fritz Friedrich Wilhelm Starb am 20.02.1996. Gertraud Hasenclever lebt noch heute in ihrem Haus in Reinbek.

Volker Friedrich Wilhelm Hasenclever ist am 10.02.1947 in Lübeck geboren. Er ging zur Grundschule und dann auf das Gymnasium. 1966 machte er seine Abitur und leistete dann seinen Wehrdienst. Seine Kindheit beschreibt er als „nichts Besonderes“ und „unspektakulär“.

Er entschied sich, in Berlin zu studieren, da er Mitglied der Pfadfinder war und die Zentrale dieser sich in Berlin befand. 1968 begann er also sein Studium. Er studierte Soziologie, mit den Nebenfächern Philosophie, Psychologie und politische Wissenschaft. Seine Mutter war davon gar nicht begeistert, da sie wollte, dass ihr Sohn etwas „Anständiges“ studiert, womit man Geld verdienen kann. 1971 lernte er Francoise Marguerite Grimal kennen, als er als Begleiter eines Kurses des Deutsch-Frsnzösischen Jugendwerks tätig war.

1974 heirateten die beiden und noch im selben Jahr machte er sein Diplom. Er entschloss sich, mit Freunden ein Buchhandlung in Hamburg zu gründen. Sie wählten Hamburg, da es dort noch keine Buchhandlung gab, die ihrer Vorstellung entsprach: möglichst offen in allen Bereichen. Aus Berlin fortzugehen, war allerdings eine politische Entscheidung, da die Situation mit der Mauer dazu führte, dass Berlin sich, politisch gesehen, im Kreis drehte. So entstand die Heinrich-Heine-Buchhandlung, die es noch heute gibt, auch wenn Volker nicht mehr dort arbeitet.

Familie Grimal

 Josette Charlotte Cailleau kam am 10.02.1924 in St Etienne, Frankreich zur Welt. Ihr Vater kam aus Malplaquet, einem kleinen Ort in Belgien, der direkt an der Grenze zu Frankreich liegt. Da seine Mutter Französin war, machte er zunächst drei Jahre lang seinen Militärdienst für Frankreich und musste direkt danach für vier Jahre in den 1. Weltkrieg, der gleich nach Beendigung seines Wehrdienstes begann. Danach wurde er nach ST Chamond mobilisiert, wo er als Monteur in einer Fabrik des Militärs arbeitete. Dort lernte er Josette’s Mutter kennen, die als Sekretärin arbeitete. Die beiden heirateten und gingen zunächst nach Lyon und dann nach l’Horme,einer Stadt inder Nähe von Saint-Etienne. Die Gründe waren wieder beruftlich. In der Gegend an der Loire und dem Zentralmassiv boomten zu derZeit der Bergbau und die Industrie.

Nachdem Josette also in l’Horme nach eigener Aussage eine schöne Kindheit verbrachte, ging sie zur „École Normale“, eine Schule, in der die Schüler die Möglickeit hatten, gleich Grundschullehrer zu werden. Sie hatte schon mit 17 ihr Abitur, machte vier Jahre lang Praktika auf zwei verschiednen Schulen und war mit 21 Jahren schon fertig ausgebildete Grundschullehrerin. Sie arbeitete einige Jahre in Le Mont Pilat und ging dann nach Rive de Gier. Ihr Wohnort war immer noch L’Horme, wo sie Pierre Francois Grimalim Bus kennen lernte.

Pierre Francois Grimal kam am 01.04.1925 als viertes Kind von fünf Kindern zur Welt. Sein Vater war aus einer sehr katholischen Bauernfamilie in Aveyron. Er musste im Priesterseminar studieren, welches doch für ihn so erfolglos war, dass es ihn später zum Freimaurertum führte. Er wurde Postbeamter und zog nach Saint-Etienne. Seine Mutter kam aus Lothringen und wurde durch den Krieg gezwungen, es zu verlassen. Sie ging ebenfalls nach Saint-Etienne. Durch die fünf Kinder war sie tagsüber so sehr eingebunden, dass sie nur abends als Hauswirtschaftslehrerin in Arbeiterbildungsstätten arbeiten konnte.

Die Familie lebte in einem Arbeiterviertel und Pierre beschrieb das Familieu, in dem er Aufwuchs selbst als „pazifistisch, antikapitalistisch, antiklerikal“ (Zitat: Francoise Hasenclever/Claus Leggewie u.a.; Hamburg 1985; S. 179)

Er ging aufs Gymnasium. Er erlebte und sah sehr viel in dieser Zeit. Er verlor seine Mutter bei einem Bombenanschlag der Amerikaner auf Saint-Etienne am Ende des Krieges und erlebte, wie alle Werte, die er beigebracht bekommen hatte und an die er so fest glaubte, durch den Krieg zerstört wurden. Seine Eltern nahmen Flüchtlinge des spanischen Bürgerkrieges und Juden bei sich auf, und versteckten sie. Pierre und seine Freunde besorgten ihnen falsche Papiere, protestierten in der Schule, wenn Lehrer Schweigeminuten für gefallene rechte Offiziere abhielten, und verteilten Untergrundzeitungen.

Er machte sein Abitur 1943 und bekam sofort eine Stelle als Grundschullehrer, da Lehrer duch den Krieg knapp waren. Er lernte Josette Charlotte Cailleau kennen und heiratete sie 1948.

1949 kam Francoise Marguerite Grimal zur Welt und vier Jahre später ihre Schwester Annie.

Warum habe ich mich für die Geschichte meiner Mutter entschieden?

 Ich habe mich wohl deshalb für meine Mutter entschieden, da ich es für sehr interessant hielt, zu erfahren, was die Beweggründe für einen Menschen sind, sein Heimatland zu verlassen, wenn er nicht dazu gezwungen wird. Ich habe von Menschen gehört, die ihr Heimatland aufgrund von Kriegen oder Armut verlassen haben, und gern dorthin zurückgehen würden. Ich frage mich also, was einen Menschen dazu führt, sein Land verlassen zu wollen, und möchte herausfinden, ob meine Mutter es überhaupt weiß. Ich denke, dass dies auch interessant für andere Menschen sein kann. Vielleicht gerade für Menschen, die dazu gezwungen waren ihr Heimatland zu verlassen und somit wenig Verständnis für Menschen wie meine Mutter haben. Ich möchte also jetzt versuchen, den Lebensweg meiner Mutter darzustellen und einige Kommentare ihrerseits aus einem Interview, das ich mit ihr gemacht habe, einzubringen.

Francoise Marguerite Grimal

 Francoise Marguerite Grimal ist am 27.04.1949 in St. Chamond/Frankreich geboren. Ihre Eltern waren beide Lehrer an einer Schule in Grand Croix. Da ihr Vater gleichzeitig Direktor war, lebten sie in einer Wohnung innerhalb des Schulgeländes. Francoise besuchte zunächst die Grundschule in Grand Croix. Sie beschreibt ihre Kindheit als eine sehr schöne.

Es wurde viel gelacht und man konzentrierte sich stark darauf, das Leben zu genießen. Ich fragte sie, was für eine Bedeutung Frankreich dafür gehabt hat, dass ihre Kindheit so verlaufen ist. Sie meinte, dass zwar einerseits die Mentalität eine wichtige Rolle spielte, aber eben auch in Frankreich auch das Gefühl herrschte einen „gerechten Krieg“ geführt zu haben. Das war sicherlich ein Unterschied zu Deutschland, wo man sicherlich mit Schuldgefühlen zu kämpfen hatte.

Das Gymnasium besuchte sie in St. Etienne, da es durch den Zentralismus diese Schulform nur in größeren Städten gab. Schon mit 14 kamen bei ihr die Gedanken auf, nach Deutschland zu gehen. Sie wurde aber von ihrem Vater sofort zurechtgewiesen, sie müsse zuerst ihr Abitur machen. Das Interesse in Deutschland lässt sich wohl auf die Orientierung der Familie zurückführen. Besonders die Weimarer Republik, und später die DDR, war immer ein Vorbild in Sachen Jugend- und Arbeiterbewegung gewesen. In der stark linksorientierten Familie wurden bei den Familientreffen häufig deutsche Lieder gesungen und Heine deklamiert.

Auch lernten Francoise und ihre Schwester Annie Deutsch als erste fremde Sprache, was sehr ungewöhnlich war. Francoise machte ihr Abitur und begann zu studieren. Ihr eigentlicher Wunsch war es zu Malen oder Psychologie zu studieren. Da diese beiden Bereiche damals aber keine besondere gute Zukunft versprachen, beschloss sie, Germanistik zu studieren. Auch in der Hoffnung durch die Struktur der deutschen Sprache, mehr „Disziplin zu erlangen“. Sie studierte auf Lehramt und machte ihre ersten Reisen nach Deutschland. Ich fragte sie nach den ersten Eindrücken, die sie von Deutschland hatte und sie erzählte mir von verschiedenen Dingen. Einerseits hatte sie in Köln bei einem alten Widerstandskämpfer gelebt, der im Konzentrationslager gewesen war. Andrerseits auch in Frankfurt bei einer gutbürgerlichen Familie, die ihrer ungarischen Hausfrau jeden Morgen die dreckige Wäsche in den Hof warfen, damit sie wäscht. Das war auf dem Hintergrund mit dem Francoise aufgewachsen war natürlich sehr schockierend für sie gewesen. Ebenso die Trennung der afroamerikanischen von den „weißen“ Soldaten in den Diskotheken. Trotzdem wollte sie nach Deutschland.

Sie ließ sich in Frankreich, wo sie inzwischen Beamtin , für ein Jahr beurlauben und ging nach Berlin, um ihre Magisterarbeit zu schreiben. Nachdem sie ihren Abschluß, und in Berlin Volker Hasenclever kennen gelernt hatte, beschloss sie, endgültig nach Deutschland zu gehen. Sie schrieb ihren Eltern einen Zettel, auf dem stand, sie sollten sich keine Sorgen machen, parkte ihr Auto vor der Wohnung und machte sich auf den Weg. Ihre Eltern kamen sie bald schon besuchen. Für sie war es ein Schock, als sie in Berlin ankamen, wo sie vorher nie gewesen waren. Es kamen Erinnerungen an Kriegszeiten hoch, als sie an den Kontrollen vorbei mussten, die mit Spürhunden die Züge absuchten. Ihre Mutter war gar nicht begeistert über die Entscheidung ihrer Tochter, vor allen weil sie in einer Wohngemeinschaft lebte. Diese waren in Frankreich nie besonders verbreitet gewesen und Josette hatte kein Verständnis dafür. Ihr Vater dagegen hatte immer daran geglaubt, einen Menschen die Freiheit lassen, das zu tun, was er möchte. Er war selber immer fasziniert von Deutschland gewesen, besonders von der DDR. Seine einzige Sorge war, dass Francoise Probleme bekommen könnte, weil sie Ausländerin war. Francoise und Volker heirateten 1974.

Francoise machte eine Ausbildung zur Bibliothekarin. Durch Volker rutschte sie schnell in mehrere Gruppen von Soziologiestudenten, die auch politisch organisiert waren. Dadurch hatte sie auch nie Schwierigkeiten, sich richtig einzuleben. „Sie waren nicht DKP, aber sie waren schon sozialistisch bzw. kommunistisch orientiert, mit einer kritischen Haltung gegenüber der DDR“. Somit war sie politisch gesehen in einem Umfeld, das sie schon so ähnlich zu Hause kennen gelernt hatte. Sie sagte, sie habe dadurch wenige Schwierigkeiten, um sich zu integrieren. Dazu kam das Praktikum im Rahmen der Bibliothekarausbildung. Sie war somit Teil einer Institution und denkt, dass dieses die Integration einfacher machte, als bei einem regulren Studium. Volker entschied sich 1975 mit einigen Freunden, nach Hamburg zu gehen, um die Heinrich-Heine-Buchhandlung zu gründen. Sie rechneten sich aus, dass Hamburg ein guter Standort für eine Buchhandlung war, wie sie sie planten. Sie hatten vor, sie auf dem Genossenschaftsprinzip aufzubauen. Francoise sagte dazu: „Es war auch eine politische Entscheidung, denn durch die Mauersituation drehte man sich in Berlin politisch gesehen im Kreis. Es war wie eine Insel, und von der wollten sie weg“. Francoise beendete ihr Studium in Berlin und wollte Volker dann folgen. Sie bekam jedoch keine Stelle in Hamburg und landete zunächst in Hannover. Ein Jahr später schon sollte sie aber dann aber die stelle in Hamburg bekommen. Seitdem ist sie dort geblieben. Ich fragte sie, welcher für sie der wesentliche Unterschied zwischen Hamburg und Berlin war, und sie sagte, dass Berlin damals vorwiegend eine Studentenstadt war. In Berlin war die Nähe zur DDR. Sie hatte dort ein Stipendium bekommen, es doch abgelehnt, weil sie ihre Ausbildung als Bibliothekarin angefangen und geheiratet hatte. Es gab in Berlin nicht so viele Familien mit Kindern. Außerdem waren die Kulturprogramme in Berlin viel weitreichender als in Hamburg, was ihr anfangs Schwierigkeiten bereitete. Durch das starke Interesse der Familie an der DDR, kamm bei mir die Frage auf, ob Francoise es bereut hat, nicht in die DDR gegangen zu sein. „Ja, ich habe es bereut. Später wurde mir zwar oft gesagt, dass ich die DDR idealisiert hätte, aber das sehe ich nicht so. Ich habe bestimmte Sachen schon gesehen, aber ich hätte trotzdem gerne die Erfahrung gemacht. Ich habe dann versucht, diese Erfahrung über die Literatur der DDR zu machen. Das hat mich schon geprägt“. Ich habe sie gefragt, welches für sie auffällige Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich sind. Sie meinte, es gebe etwas im Verhalten der Menschen, das sie voneinander unterscheidet. Sie konnte mir aber nicht genau sagen, was es ist. Ein Aspekt fiel ihr dann doch noch ein. Siemerkte sehr schnell, dass die Deutschen eine bestimmte Form der Spontaneität nicht besaßen, die sie von Frankreich her kannte. Es war nicht möglich „sich ohne Kalender mit jemandem zu treffen. Wenn man Leute einfach zum Essen einladen wollte, musste es dafür immer einen Grund haben“. Sie hat es trotzdem nie bereut, aus Frankreich weggegangen zu sein. Sie sagt, heute würde sie nicht dorthin zurückgehen, zumindest nicht, um dort zu leben. Dazu habe sie schon zu lange in Deutschland gelebt. Fühlt sie sich noch fremd in Deutschland? Ich spüre, dass ich anders bin, aber ich fühle mich nicht fremd.. Ich habe zwar meine Kindheit und Jugend in Frankreich verbracht, und das prägt natürlich, aber inzwischen länger in Deutschland gelebt. In dieser Situation sind wohl viele Menschen heutzutage. Aber nein, fremd fühle ich mich nicht“. „Was ist Heimat für Francoise? „Ein Ort, an dem ich mich wohl fühle, weil dort Menschen sind, die ich gern habe. Es ist ein Zusammenspiel von verschiedenen Dingen… Seltsamerweise kann ich Hamburg nicht als Hei,at bezeichnen, obwohl ich mich hier nicht unwohl fühle. Ich halte diesen Begriff sowieso für sehr fragwürdig“.

Was hat mir diese Arbeit gebracht?

 Durch diese Arbeit habe ich sehr vieles über die Menschen meiner Familie erfahren, was ich bisher noch nicht wusste. Mir ist klar geworden, welche Umstände dazu geführt haben, dass ich überhaupt existiere. Auch habe ich gelernt, dass es oft nötig ist die Lebensgeschichte eines Menschen zu kennen, um überhaupt zu verstehen zu können, warum dieser tut, was er tut, oder denkt, was er denkt. Natürlich habe ich mich auch gefragt, was es für eine Bedeutung für mich gehabt hat, aus einer Familie zu kommen, bei der ein Elternteil deutscher und der andere französischer Herkunft. Mir waren die Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich immer bewusst, und ich habe immer eher eine Sympathie für Frankreich gehabt. Ich sehe aber heute, dass viele ausschlaggebende Dinge nicht länderabhängig, sondern menschenabhängig waren. Meine Mutter war das Kind zweier Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Familien kamen. Das hat dazu geführt, dass sie schon sehr früh etwas Eigenes werden wollten, eine eigene Persönlichkeit entwickeln wollten. Bei mir ist es ähnlich. Meine Eltern stammen aus grundlegend unterschiedlichen Familien, und ich beobachte bei mir dasselbe Verlangen, mich von beiden zu lösen, und etwas Eigenes zu schaffen. Ich denke nicht, dass die verschiedenen hier besonders ausschlaggebend waren. Trotzdem habe ich immer gespürt, dass sie präsent waren. Und heute spüre ich auch, dass ich mich von beiden lösen möchte, mich nicht über die Herkunft definieren möchte. Das ist eine Sache, die ich in meiner Kindheit sehr häufig getan habe, da ich glaubte, die Nationalität würde festlegen, wie man sich entwickelt. Diese Arbeit hat mir klar gemacht, dass dies nicht so ist.

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