Das Flip-Flop Schiff – 2. Teil der Erinnerungen an eine Kindheit an der Karibikküste Kolumbiens

Von Javier  Hinestroza. In meiner Kindheit waren auch spielerische Vorgänge bedeutende Erfahrungen für mich.  Ich erinnere mich insbesondere an ein Spiel, das wir immer am Nachmittag nach der Schule spielten. Meine Schulkameraden und ich sind oft zum Strand gegangen – um genauer zu sein: an einen Fluss, wenige Meter vor der Mündung ins Meer. Dort haben wir kleine Schiffe aus zahlreichen alten Flip-Flops, die das Meer jeden Tag mit sich brachte, gebaut. Diese banden wir mit einem Strick an, um unsere Schiffe am Ufer des Flusses und des Meeres entlang zu führen. Hauptsächlich bedienten wir uns folgender Materialien: Klassische Gummi-Flip-Flops zum Bau von schnellen Wasserfahrzeugen, angeschwemmte Holzstücke zum Bau von Flößen, Glas zum Bau des Ruderblatts sowie Polyethylen-Schnüre, um diese an der vorderen Spitze der Fahrzeuge zu befestigen und diese danach ziehen zu können. Diese Ready-made Objekte bekamen von uns jedes Mal eine neue Funktion. So wurden aus Flip-Flops Spielboote – die benannten wir nach den im karibischen Raum bekannten Pangas. Pangas sind Motorboote japanischer Herkunft, die in vielen Entwicklungsländern (Südostasien, An den Küsten Afrikas, Zentralamerika und im karibischen Raum) als Transportmittel verwendet werden. Vor ein paar Jahren waren sie in den Medien präsent, weil sie als Transportmittel der Piraten am Horn von Afrika zum Überfall auf mehrere Frachtschiffe eingesetzt wurden.

Zwei Aspekte spielten bei diesem Vorgang eine wichtige Rolle: Der Umgang mit Materialien und die Spuren der Landschaft in der Handlung. Zu dem erstgenannten Aspekt lässt sich sagen, dass wir als Kinder oft mit der Gewissheit an die Flussmündung oder den Strand gegangen sind, dass an diesem Ort die verschiedenen Materialien auf uns warteten. Andererseits wussten wir nicht, welche Formen, Farben und Materialien wir zu Verfügung haben würden, bzw. was das Schicksal uns zuweisen würde. Der zweite Aspekt beinhaltet die Tatsache, dass das Meer für uns wie ein riesiger Lagerraum zur Materialbearbeitung war, voller Rohmaterialien, die von Wasser und Sonne geschliffen und gebleicht waren. Landschaft und Material standen in einer komplementären Beziehung. Diese Verbindung drückte sich synthetisch aus – als symbolisches Endprodukt in Form von Spielzeug, welches immer nachmittags am selben Ort durch uns zu Stande kam.

Text und Foto: Javier Hinestroza

Ebenfalls interessant