Reeperbahnfestival: Vier Tage in der Seifenblase

Jedes Jahr im September ist Reeperbahnfestival. Ein guter Grund in  Richtung dieser langen Straße aufzubrechen, die sich an anderen Tagen, („Schlagermove“) nicht immer als Sehnsuchtsort anbieten will. Ein Rückblick von Jonas Rosenhagen.

Dabei sind die Junggesellenabschiede auch jetzt da, die Touristengruppen auch, aber als Besucher*in des Festivals läuft man fast unnahbar vom Reeperbahngeschehen von Konzert zu Konzert. Verlässt man einen der 70 Clubs, um beispielsweise Mittwoch von Suff Daddy (Mojo, 20:10 – 21:05) zu Taylor Wilkins (Molotow, 21:20 – 21:50) zu kommen, umhüllt einen das was gerade war und die Vorfreude auf das was gleich kommt wie eine kleinen Festivalseifenblase.

Besonders stabil und angenehm war meine Seifenblase dieses Jahr am Freitag. Joshua Burnside (Headcrush 19 – 19:30) der mit „Ephrata“ sein erstes Album erst dieses Jahr herausgegeben hat, spielt wirklich wunderschöne Musik. Mit seinem Hang zum Walzertakt und  seiner leicht theatralischen Eindringlichkeit erinnert er an Beirut – dabei ist die Besetzung mit Egitarre, Ebass und Schlagzeug klassisch. Die Texte sind einfach, wenig neu, passen aber: „Soul of light, like the moon. Swinging low, upon the atlantic…“ Aussergewöhnlich ist sein großes Gespür für Melodien.

 Eindruck hinterlassen an diesem Abend auch Superorganism. (Gruenspan, 19:35 – 20:20). Dabei sind zumindest in meinem näheren Umfeld die Meinungen verschieden – während mir die simple, leicht größenwahnsinnig wirkende aber eingängige elektronische Musik und Show sehr gefiel, sind einige meiner Bekannten schon nach drei Liedern wieder gegangen. Da ist das Reeperbahnfestival wie die Postmoderne: Gleichzeitigkeit und Größe der Auswahl stellen es frei, sich mit einzelnem auseinanderzusetzen oder einfach weiter zu gehen. Frontfrau und Sängerin Orono und ihre sieben Bandmitkolleg*innen ballern das Publikum mit bekannt wirkenden Popmusik-Versatzstücken zu und projizieren dabei Collage-artige Videos auf die Bühne. Wale und Handydisplays schwimmen hinter und über die Band, die statt mit Pausen die Zeit zwischen den Liedern mit Handygeräuschen füllt. Das nicht jede*r davon begeistert sein muss, ist verständlich. Für mich war es das ungewöhnlichste und schönste Konzert des Festivals.

Superorganism im Gruenspan/ Foto: Svenja Mohr

Vor Festivalbeginn hatte ich mich am meisten auf den Mittwoch gefreut, nicht zuletzt wegen Isolation Berlin. (Docks 19:40 -20:40) Ich hatte die Band noch nie Live gesehen, dafür aber die wirklich großartigen Alben rauf und runter gehört – aber dann war mir am frühen Mittwoch nach den ersten dreissig Minuten ihres Auftritts so langweilig, das ich wieder gegangen bin. Dabei gehören nicht nur die Texte der band zu dem besten was in den letzten Jahren auf deutsch geschrieben wurde. Musikblog.de meint später, es sei ab der Hälfte besser geworden. Das mag sein, aber die Flucht aus dieser ersten Live-Begegnung endete glücklich und einen Club weiter bei Suff Daddy (Mojo 20:10-21:05) Suff Daddy ist Produzent und macht an diesem Abend zusammen mit The Lunchbirds aus Livemusik und Dj-ing etwas zwischen HipHop und Jazz. Das funktioniert sehr gut, es ist sogar tanzbar und hätte gerne länger als 55 Minuten gehen können.

 HipHop war in meiner Festivalblase dieses Jahr ohnehin groß, nicht zuletzt am Donnerstag bei Haiyti. (Übel Und Gefährlich 21:55 – 22:40). Länger schon zu gut und jetzt auch zu bekannt für das ihr anhaftende des Geheimtipps ist die Hamburgerin eindeutig auf dem Weg nach Oben. Im Übel stellt Sie nochmal klar warum das so ist. Ihre ungewohnte, gute, witzige und im deutschen Rap neue Texte und dazu die Stärke, das Direkte von Haiyti auf der Bühne sind großartig. Wenn es nur dafür wäre: Das Reeperbahnfestival lohnt sich.

 

 

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